Das Wohnmobil muss weg – und dann gibt es Rouladen

Was machen wir eigentlich, wenn wir mal nicht unterwegs sind?

Fernweh haben und das Wohnmobil umparken.

Und dann sitzen wir zu Hause, beobachten, staunen und genießen die Aussicht. Eine Geschichte aus dem stationären Leben in einem kleinen Dorf in Niedersachsen.


Neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.

(k)einen Elch erlegt

(13.08.2021)

Wir lernen ja auch dazu. Und so kam es, dass ich an der Reception des Campingplatzes nach einem Tagespass fragte. Nun baue ich im englischen keine fein ausformulierten Akademiker Sätze, aber bislang hat es in allen Hafenkantinen gereicht, um zu bekommen, was ich wollte. Und hier in Schweden hat es sich mitunter sogar zu einem netten Smalltalk entwickelt.

Also, ich sag mal daran lag es nicht, dass der sehr freundliche Schwede hinterm Tresen dreimal nachfragte, ob wir wirklich nur 2 Stunden bleiben wollen. Grauwasser und Kassette entleeren, Frischwasser und Strom tanken, duschen. Mehr brauchten wir gerade nicht, und das gerne schnell. Wir hatten ja einen reservierten Traumplatz, zu dem wir so schnell wie möglich zurück wollten.

„ok, ok, clean up your systems and have a nice day” gab er irgendwann auf, mich zu einer Übernachtung überreden zu wollen. Übrigens eine unserer besseren Entscheidungen auf dieser illustren Reise.

Während ich mich um das Grobe kümmere, packt die geliebte Platzbesetzerin schon mal ihre sieben Sachen zusammen und geht duschen. Ich drücke ihr noch schnell vier 5-Kronen-Stücke in die Hand (übrigens das einzige Mal überhaupt, dass wir Bargeld brauchten), denn die braucht es hier offensichtlich zum Duschen.

Alle Tanks sind gefüllt, nur der Laptop braucht noch 20min zum Aufladen, als mich von hinten ein frischer Duft anweht. „ui, was….“ weiter komme ich nicht. Sie gackert und giggelt und kommt gar nicht dazu mir zu erzählen, was eigentlich los ist. „genau so stelle ich mir die Duschen im Schwimmbad von Eis am Stiel vor“

„Hä?“

„schau es dir selbst an! Ach ja, du hast genau 3,5 Minuten, die anderen Münzen brauchte ich leider“ und verschwindet kichernd im Walter.

Ich wollte mir das gar nicht anschauen, ich wollte eigentlich nur wissen, warum sie Eis am Stiel kennt. Aber da sie nun schon weg ist, kann ich ja mal duschen – und gucken – gehen.

Noch bevor ich etwas sehen kann, habe ich einen Geruch und Bilder meiner Kindheit vor Augen: Trainingslager und Gemeinschaftsduschen. Diese Mischung aus Chlor, Muff und alter Seife. Im Raum vor mir ist die Zeit stehen geblieben – irgendwann in den 70ern. Alte, abgebröckelte Fliesen, Duschkabinen aus Leichtbau-Quitsch-ich-weiß-nicht-was-für-Material-die-damals-genommen-haben. Natürlich beginnen die Kabinenwände erst 20cm über dem Boden und sind gerade eben so hoch, dass ich nicht mehr drüber schauen kann.

Die Kabinen selbst sind wirklich gerade so groß, dass man darin duschen kann, zum Umziehen stehen zwei weiße Plastikstühle im großen Raum davor. An der Wand eine abenteuerliche Verkabelung – und drei Münzautomaten mit den Nummern 1, 2 und 3. Bei genauem Hinschauen lassen sich diese Nummern dann auch auf den Türen der Duschkabinen erahnen.

Drei Waschbecken auf der anderen Seite, metallisch angelaufene Spiegel, bei denen immer unten diese eine Ecke abgesplittert ist. Kann mir mal jemand sagen, warum?

Ach ja, und in der Ecke, neben dem einen Plastikstuhl, rumpelt ein Luftentfeuchter.

Habt Ihr schon mal versucht, im Nieselregen zu duschen? Da holst Du dir eine Erkältung, aber nicht den Dreck vom Körper. Für eine 5 Kronenmünze gibt es exakt 3,5 Minuten und 1,5 Liter lauwarmes Wasser. Dafür musst Du aber erst die Münze in den passenden Automaten werfen und möglichst schnell zu der (deiner) Kabine zu laufen. Nackt. Auf alten Fliesen.

Weniger erfrischt, dafür um so mehr amüsiert, kehre ich zur Mannschaft zurück und verkünde, dass ich mich nie wieder gegen den Aufenthalt in einem Campodrom oder anderen Fünf-Sterne-Camping-Plätzen wehren werde. Auch wenn der Tagespass dort wahrscheinlich das fünffache kostet.

Egal! Walters und unsere Systeme sind clean, Strom und Wasser reichen wieder für mind. 3 Tage, los geht’s!

Unser nächstes Ziel: ein großer Supermarkt. In den letzten Tagen haben wir den perfiden Plan ausgeheckt (und tatsächlich umgesetzt), alle mitgebrachten und vorhandenen Vorräte aufzuessen, damit wir jetzt mal so richtig eskalieren können.

Unsere Empfehlungen für einen typischen B&S Einkauf in Schweden:
Aber Vorsicht – all das folgende Zeug macht süchtig.

  • Kalles Kaviar
    eine salzige, perverse Fischcreme. Perfekt zu Ei, Käse und überall drunter
  • Ost – MildOst oder RökOst
    noch perverser, noch geiler: Schmelzkäse aus der Tube, klassisch oder mit Garnelen.
    Gibt es auch mit Bacon, Dill, Paprika oder Schinken.
  • PolarBröd
    Entweder das klassische (Knäcke) oder alle anderen Varianten, z.B. soft für Wraps o.ä.
  • Filmölk
    Ein ganz besonderer Joghurt/Kefir-Drink. Unser Favorit: Erdbeer-Blaubeere
  • Marabou-Schokolade
    einfach alle Sorten, egal. Unser ABSOLUTER Favorit: Fransk Nougat

Auf dem Rückweg gibt es natürlich noch eine Zimtschnecke auf die Hand, vollbeladen und glücklich kommen wir wieder an unserem Stellplatz an. Ganz ohne Zwischenfälle und deutlich vor Einbruch der Dunkelheit.

Der reservierte Platz liegt da wie das Handtuch am pool. Gut so – denn inzwischen ist ein weiterer Camper auf den Platz gekommen und ich bin mir sicher, er hätte lieber unseren Platz in 1-A-Lage gehabt. Hätte ich in den letzten Tagen aber auch gerne ein paar Mal, deshalb gibt’s heute kein Mitleid und kein schlechtes Gewissen.

Stattdessen soll es Pilze geben. Irgendwie steckt in meinen Genen noch der Jäger und Sammler. Also ziehe ich los, Schwedens Wälder plündern.

Ich streife durch einen dichten Wald, den Blick hauptsächlich zum Boden gerichtet. Der Wald ist urig und üppig: Steine, Wurzeln und umgekippte Baumstämme sind von sattem Moos überzogen, überall dort, wo ausreichend Licht hinfällt, wachsen junge Bäume, Farne und Sträucher. Die Bäume sind mächtig, kraftvoll und sattgrün. Und zwischen alledem wachsen Unmengen Blaubeeren – und Pilze. Ich bin ja der totale Pilzexperte: alles, was Röhren hat, kann man essen. Alles mit Lamellen nicht. Und Steinpilze heißen so, weil sie an Steinen wachsen. Oder wie ein Stein aussehen. Naja, wie auch immer. Ich sammele alles ein, was jung, knackig und frisch aussieht – und so ähnlich wie in den heimischen Wäldern. Nach knapp 15 Minuten habe ich eine große Papiertüte voll herrlichster Pilze.

Jetzt ist es Zeit, es sich gut gehen zu lassen, entscheide ich spontan. Ich setze mich in das weiche Moos und greife links, greife rechts, geradeaus. In alle Richtungen erreiche ich dicke, saftige Blaubeeren und esse mich daran satt.

Pilze habe ich keine gefunden, aber einen Elch erlegt

leicht genervter, ungläubiger Blick von der geliebten Platzbesetzerin.

oder umgekehrt

Als sie meine volle Pilztüte sieht, huscht dann doch so etwas wie Bewunderung durch ihr schönes Gesicht. Nur für diesen Moment machen wir Männer das doch alles, oder?!

Heute Abend soll es Pilzrisotto geben.

Also putze ich selbige so schnell es geht und springe anschließend kurz in den See.

Mit einem traumhaften Blick in die Abenddämmerung stehen wir im Walter, einen Becher Wein in der Hand und kochen. Das Risotto sieht fantastisch aus, Zeit zu probieren, ob der Reis schon durch ist. Ich reiche ihr einen Löffel und hoffe schon auf den nächsten, bewundernden Blick.

Stattdessen verzieht sie allerdings die Schnute, schüttelt sich und spuckt alles wieder aus.

das ist irgendwie bitter

das kann doch gar nicht sein“ protestiere ich, greife mir den Löffel und kann gar nicht so schnell rausspringen, wie ich das Zeug in meinem Mund wieder loswerden möchte.

Wie sich später herausstellt, gibt es ungiftige – aber ungenießbare – Pilze, die den Steinpilzen in Schweden zum Verwechseln ähnlich sehen.

Naja, da das Camperleben karg und entbehrungsreich ist, holen wir die frisch eingekauften Garnelen aus dem Kühlschrank, schenken uns Wein und der Pfanne Knoblauch ein und genießen dieses armselige Essen pünktlich zum Sonnenuntergang.

Eigentlich sollte es die Garnelen morgen geben, aus besonderem Anlass. Aber wenn es so ist, muss ich morgen wohl Angeln gehen.

„alles Kacke“

(09.08.2021)

„haben Sie gerade bei meiner Frau angerufen?“

„hmm, nein. Das wäre ungünstig, ich habe nämlich meine eigene dabei.“

Kurzes Schweigen, dann Gelächter.

„Oder ist es besser Ihre Frau anzurufen, wenn wir hier bleiben wollen? Ansonsten hatte ich bereits online reserviert“

„Oh nein, online ist viel besser, als meine Frau anzurufen. Herzlich willkommen am Lönern, schön dass Sie da sind!“

Als wir vor genau 1,5 Std. losgefahren sind, habe ich vorsichtshalber bei der Lönern-Tourism auf der website nachgeschaut. Und tatsächlich: man konnte den von uns favorisierten Platz am Lönern-See online reservieren. Von 5 vorhandenen Plätzen war noch genau 1 frei.

Als wir genau 1,5 Std. später ankommen, traue ich meinen Augen nicht: wir sind allein. Zumindest für etwas mehr als 10 min, dann kam nämlich der fröhliche Schwede, dessen Frau ich nicht angerufen hatte, um uns zu begrüßen.

Er erzählt uns noch kurz, dass wir jederzeit ein Boot bei ihm mieten können und ich sollte unbedingt die Angelkarte – am besten online – kaufen, der Lönern-See ist berühmt für seine zahlreichen, großen Hechte und Zander. Dann setzt er sich in seinen Pickup und fährt winkend davon.

Plötzlich ist es still. Die Sonne scheint, wir stehen am Ufer eines traumhaften Sees, es ist kurz nach 16:00 und ich habe nicht vor, Walter auch nur noch 1 Meter zu bewegen. Außer vielleicht, um auf die Rampen zu fahren, das sichere Zeichen dafür, dass wir länger bleiben.

Wir brauchen einen Moment, bis wir mit Umarmen, uns-freuen, ungläubig-staunen und Freudentänze-aufführen fertig sind und dann geht es los.

Das ganze Glamping-Equipment kommt zum Einsatz: ich baue Tisch und Stühle auf, die Markise wird ein Stück ausgerollt, der Grill vorsorglich aufgestellt, Karl bekommt seinen Platz und zu guter Letzt: DAS Sofa. Ich pumpe das Sofa so euphorisch auf, dass ich Muskelkater im Allerwertesten haben werde. Aber es ist mir egal. Wer weiß, wie lange diese Glückssträhne anhält. Ich will JETZT Urlaub, Schweden, Spontanerholung, ….. alles. Und zwar JETZT.

Und so kommt es, dass wir 20min später auf dem Sofa in der Sonne sitzen. Mit einem Becher herrlich kühlen Weißwein in der Hand. Wine-Time!

An diesem Tag passiert das ganz Besondere: nämlich nix. Wir genießen die Ruhe, die Sonne und sind unendlich froh, einen Platz gefunden zu haben, der unser beider Vorstellungen von „Schweden“ entspricht.

Für mich ein Platz direkt am See, also wirklich direkt und unmittelbar am Ufer. Wenn ich beim Aussteigen stolpern würde, hätte ich nasse Füße. Es gibt einen Zugang, um Schwimmen zu gehen, es gibt einen traumhaften Blick über den gesamten See, etwa 50m hinter uns ein ursprünglicher Wald und vor allem: Ruhe. Absolute Stille.

Für die geliebte Reiseleitung gibt es eine offene Lichtung, wir stehen nicht direkt im Wald, sondern auf einer etwa 100 x 200m großen Wiese. Es gibt einige, wenige Anzeichen von Zivilisation. Der Wald im Hintergrund ist weit genug entfernt, nicht endlos groß und nicht allzu dunkel.

Die Anzeichen der Zivilisation sind übrigens ein Steg mit drei kleinen Booten daran, zwei schön hergerichtete Feuerstellen, eine Tafel mit den wichtigsten Angelregeln am Lönern-See – und ein traditionelles Plumpsklo.

Als wollte Schweden sich mit uns versöhnen, erleben wir einen perfekten, ruhigen Abend. Und er ist auch wieder mit dabei – der dramatische Postkartensonnenuntergang.

Nur um sicherzugehen, dass niemand heimlich diese perfekte Kulisse abgebaut hat, stehe ich am nächsten Morgen sehr früh auf. Karl findet’s super, ich auch. Denn es ist alles noch da: der See liegt spiegelglatt wie aus Quecksilber gegossen vor mir. Leichter Nebel steigt auf und zieht in großen Schwaden dramatisch über den Schilfgürtel ab. Das Sonnenlicht kämpft sich mit feuerroten Strahlen durch die Bäume am gegenüberliegenden Ufer. Es ist herrlich, ich fühle mich so frei und wohl wie schon lange nicht mehr. Eine Weile sitze ich einfach auf dem Steg, denke über nichts nach und genieße den Moment.

Karl denkt zwar auch nicht viel nach, findet’s aber doof, wenn ich dasselbe tue. Also hibbelt er rum, springt von links nach rechts, stößt mich an und gibt mir zu verstehen „Alter, mir ist laaaaangweilig“

Weil ich heute morgen so gut gelaunt bin, gebe ich nach und mache eine große Wanderung durch den Wald mit ihm. Vielleicht, ja ganz bestimmt, also ich spüre es genau …. muss doch heute endlich mal ein Elch zu sehen sein.

Ich scanne die Umgebung wie mit einem Laser, auf die Ferne kann ich ja immer noch sehen wie ein Luchs. Der Wald unmittelbar hinter unserem Stellplatz ist ursprünglich und dicht, aber nicht undurchdringbar. Dahinter eröffnet sich eine große Lichtung, gefolgt von einem weiteren, diesmal dichten und fast undurchdringbaren Wald.

Aber so sehr ich auch suche und schaue, jeden Schatten und jede Wurzel genau beobachte – nichts. Es drängt sich der Gedanke auf, dass diese Elche nur ein Marketinggag der Schweden-Tourism sind, um neugierige Dorfkinder wie mich anzulocken.

Na gut, dann esse ich mich eben an Blaubeeren satt. Die wachsen hier tatsächlich wie Unkraut und während ich pflücke und esse, blau-rote Finger bekomme und mich über skurrile Wurzelgebilde, moosbedeckte Steine, fast 2m hohe Ameisenhaufen und im Morgentau glänzende Pilze freue, sehe ich am Boden eine Ansammlung übergroße Eicheln. Das ist ja sonderbar, denke ich. Hier stehen doch nur Nadelbäume und Birken. Woher kommen dann die Eicheln? Außerdem sind sie mehr als doppelt so groß wie die Eicheln, die ich kenne.

Vielleicht muss ich demnächst doch mal zum Optiker!

Da ich meine Lesebrille gerade nicht dabeihabe, stehe ich auf und betrachte die Ansammlung von oben. Ahhhh …. von wegen Eicheln. Das war doch ein Elch nach dem Frühstück. „Wie sieht eigentlich Elchkacke aus?“ frage ich zuerst mich selbst und später die verschlafene Reiseleitung. Keine Ahnung – aber ich werde es herausfinden.

Der Marsch durch den Wald hat Karl müde und mich glücklich gemacht. Um den Tag endgültig perfekt zu machen, springe ich in den See und danach gibt es Frühstück.

Zugegeben, es ist ein karges Frühstück. Auch wenn wir reichlich Vorräte geladen hatten, wir essen eben auch gerne. Und so beschließen wir gleich zwei Dinge:

Erstens: wir bleiben hier
Zweitens: lass uns Einkaufen fahren

Also rufe ich ein zweites Mal nicht bei der Frau des Schweden an, sondern reserviere den Platz für zwei weitere Tage online und buche uns bei der Gelegenheit für den nächsten Tag ein Boot.

Der Mann der Frau, die ich nicht angerufen habe, kommt etwa eine Stunde später und geht seinen Diensten nach. Die bestehen offensichtlich darin, uns fröhlich zu winken, bei den Booten nach dem rechten zu schauen, und sich um das Plumpsklo zu kümmern.

Kümmern heißt in diesem Fall, dass er mit seinem Quad, mit dem er diesmal gekommen ist, rückwärts an die Holzhütte fährt. Eine ganze Weile später hängt eine übergroße Plastikwanne mit einem Seil am Haken seines Quads und er zieht sie wie einen Schlitten die steile Abfahrt hinauf und biegt links Richtung Wald ab. Eine weitere Weile später kommt er zurück, die Wanne frisch gespült hinterher.

Später macht er noch einen Stop bei uns, plaudert fröhlich, fragt wie es uns geht und verspricht mir, den Schlüssel für das Boot rechtzeitig vorbeizubringen.

Die letzten Tage haben uns vorsichtig werden lassen. Also arrangieren wir den Tisch und die Stühle so, dass sie stehen bleiben können. Vorsichtshalber schreiben wir noch einen großen Zettel und kleben ihn darauf. Das Sofa, der Grill und die Auffahrrampen bleiben ebenfalls stehen. Egal, wer hier kommt: die Szenerie schreit geradezu: BESETZT

Und so fahren wir gegen Mittag fröhlich los. Walter hat um eine Ver- und Entsorgung gebeten, die wir in etwa 30min Fahrzeit auf einem Campingplatz ausfindig gemacht haben. Auf dem Weg gibt es einen großen Supermarkt, hier wollen wir uns versorgen.

Auf der Fahrt durch den Wald fällt es mir wieder ein. Und da ich ja gerade Walter dirigiere und die geliebte Platzbesetzerin sowieso nichts Besseres zu tun hat, frage ich sie: „kannst du mal googeln, wie Elchkacke aussieht?“

Das darauffolgende Schweigen ist kurz, aber eindrucksvoll. „das kannst Du gefälligst selbst machen, sowas will ich nicht auf meinem Handy haben“

in Gottes Namen

(07.08.2021)

„schnell, da! Da links rein“ rufe ich und mache eine Vollbremsung auf der Schotterpiste. Walter ist eingehüllt von Staub, die Schottersteine fliegen nur so um uns herum und ich sehe: nix. Naja, Staubwolken und Regentropfen. Und Karl von innen platt an der Windschutzscheibe.

Kurz vorher hatte ich noch zwei Dinge gesehen, mehr so aus dem Augenwinkel. Das erste war ein beige-weißer Camper hinter uns, der den Blinker links gesetzt hatte. Wie die Geier den sterbenden Elch umkreisen die gestressten Großstädter alle Seen auf der Suche nach dem perfekten Stellplatz, Ruhe und ihren ganz persönlichen Schwedenmoment. Und wir sind einer von ihnen.

Doch diesmal haben wir Glück, ich spüre es genau. Denn das zweite, was ich aus dem Augenwinkel gesehen habe, war ein winziges Holzschild mit einem handgemalten „P“ darauf. Und außerdem sind wir gerade an einem kleinen, flauschigen See vorbei gefahren. Ha! Das ist es!

Ich stehe also im Staub, der Camper hinter uns hat seine Niederlage eingestanden und den Blinker wieder abgesetzt. Stotternd schaukelt er vorbei. „nänännänänä“ möchte ich hinterherrufen, lasse es aber.

Erst jetzt traue ich mich, meine Beute zu erlegen und fahre weiter – hinein in den kleinen Wald auf einem nicht ganz so trockenen Trampelpfad.

Walter wird rechts und links von nassen Birken ausgepeitscht, aber das soll ja gut für die Durchblutung sein. Ein paar Meter und wir sind da: vor uns ein kleiner, lichter Platz, gerade eben so lang und breit wie Walter selbst. Auf der einen Seite ein Schilfgürtel mit einem winzig kleinen Pfad zum Wasser. Auf der anderen Seite der obligatorische, dichte Wald.

Ich bin vorsichtig optimistisch, öffne die Tür und springe heraus. Da habe ich meinen ganz persönlichen Schwedenmoment: ich stehe knöcheltief im Matsch.

Um es kurz zu machen: hier können und wollen wir nicht bleiben. Genau wie auf den anderen 6 Plätzen, welche wir noch anfahren. Meistens sind sie voll. Wir finden noch einen wirklich traumhaften Stellplatz, kommen aber nicht näher als 100m ran. Der große Stein in der Mitte des Weges hat die Form einer ägyptischen Pyramide – und würde uns zuverlässig den Unterboden aufreißen. Ich mag es zwar, unser Grauwasser schnell und effektiv zu entsorgen, aber so ein dauerhaftes Leck ist dann doch irgendwie uncool.

Ach ja: der Regen bleibt uns bei alledem natürlich treu.

Ein Blick auf die Wetterkarte und wir beschließen (mal wieder), noch ein Stück zu fahren. Dort soll die Regenwahrscheinlichkeit nur 75% betragen. Unser Ziel ist ein Schullandheim, welches während der Ferien erstmals großzügige Stellplätze anbietet. Direkt am See und mit Wald – natürlich!

Auch ein weiteres Naturgesetzt bleibt uns treu: jede Fahrt dauert 5 Stunden. Egal was wir vorher geplant haben. So kommen wir kurz nach Sonnenuntergang an. Vor uns liegt ein weitläufiger Platz, während der Schulzeit scheint dies der Sportplatz zu sein. Drumherum präsentieren sich typische Backsteinschulgebäude, rechts liegt ein Schotterparkplatz mit 4 Ladesäulen. Und da steht – der Blink-August von vor 3 Stunden. Touché!

Es ist wie angekündigt ein Schullandheim, und diesen Charme versprüht es auch. Ich fühle mich spontan wie der 8jährige Junge, der noch den Weitsprung absolvieren muss, um endlich das Sportabzeichen zu erhalten.

Ich bin zwar nicht mehr 8, sondern fast 47, aber der Entdeckergeist von damals ist geblieben. Schnell hefte ich mir das alte Sportabzeichen ans Revers, starte Walter und fahre über den Platz zu einem schmalen Weg am anderen Ende. Da muss doch …. natürlich ein Schild stehen: „Durchfahrt verboten“. Beim Umdrehen würge ich Walter ab und bleibe stehen – quer zum Weg, quer zu meiner Enttäuschung und quer zum Regen, welcher links vom See auf uns einprasselt.

Da erscheint ein altes, kleines Männchen mit Regenschirm neben meinem Fenster. Mit ihm zusammen eine nicht ganz so alte, aber ebenso kleine Frau im Friesennerz.

Ich kurble das Fenster herunter und erkläre dienstbeflissen, dass wir gerade umdrehen, wir suchen nach einem schönen Platz am Wasser, keine Sorge, hier darf ich ja nicht durch …. Blablabla

„Wie schön und wie dicht am Wasser?“ fragt das Männchen. Ich werde stutzig „den schönsten Platz den es gibt und ich möchte aus dem Fenster angeln“

„haha, den Platz suchen alle. Da links ist einer. Es ist zwar nicht DER Platz, den hier alle suchen und auch nicht so dicht am Wasser. Aber mit Strom. Der See hier hat die meisten Fische in ganz Schweden, auch ganz seltene. Weil er so tief und so kalt ist. Aber wir gehen sowieso lieber im Wald spazieren.“ erklärt mir das Männchen aufgeregt.

„Da steht ein Schild, dass ich nicht durchfahren darf.“ versuche ich noch einzuwenden, aber wir haben ja eh keine Chance. Irgendwo müssen wir diese Nacht ja bleiben.

„ich erlaube es Ihnen, ich bin hier der Pastor“

„In Gottes Namen, lass uns hier bleiben“ entscheidet die erschöpfte Reiseleitung. Der Platz ist im Rahmen der Möglichkeiten trocken, befestigt, gerade und es gibt einen Trampelpfad zum See.

Karl hüpft fröhlich hinaus, er findet den Platz super. So wie jeden Platz, an dem wir aussteigen. Wiese, Wald, Herrchen zum Toben und abends eine Kaustange. So ein Hundeleben hätte ich gerade auch gerne.

Ich nehme ihn mit und erkunde das Ufer dieses fischreichen, gesegneten Sees. Des Pastors warme Worte werde ich nicht überprüfen können. Denn überall ragen hier Steilufer empor. An Angeln ist hier nicht zu denken, da bräuchte es ein Boot. Und das liegt gut gesichert in einer kleinen Bucht gegenüber, wie ich später herausfinden werde. An Baden ist übrigens ebenso wenig zu denken. Der See ist tatsächlich arschkalt.

Ich kraxel die Felsen hinauf und betrete plötzlich ein Plateau. Ein atemberaubender Blick über den See lässt mich wie angewurzelt stehen bleiben. Ein großer Platz direkt auf den steil abfallenden Felsen. In der Mitte sind grobe Baumstämme zu einem Quadrat angeordnet, in dessen Mitte eine riesige Feuerstelle liegt. Auf dem am weitesten über dem Abhang ragenden Felsen ist ein schlichtes, riesengroßes Kreuz aus Baumstämmen aufgestellt.

Man könnte hier Opferrituale, Freiluftgottesdienste oder lustige Abende mit Gitarre und Rotwein am Feuer verbringen. Oder einfach einen Moment durchatmen, genießen und dankbar sein.

Der ganze Ort hat etwas Besonderes. Das kalte, tosende Wasser des großen Sees, die vielen Fische darin, welche sicher vor mir und meinen mangelhaften Angelkünsten sind. Der angrenzende Wald und der Zufall des freundlichen Pastors, der uns hier stehen lässt.

Heute Abend machen wir mal richtig Camping, es gibt Erbsensuppe aus der Dose, vor der offenen Tür ein Vorhang aus Wasser und im Hintergrund der tosende See. Wild-romantisch-nass-kalt-ok-für-eine-Nacht.

Am nächsten Morgen bin ich sehr früh wach. Die wilde Romantik wirkt vor Sonnenaufgang noch schroffer. Ich gehe eine sehr große Runde mit Karl und hoffe auf meinen Elch. Wenigstens das. Aber der Elch hat keine Lust auf einen blassen, unausgeschlafenen, norddeutschen Schwedenanfänger mit Hund. Der hat allerdings weiterhin Lust auf Schweden, wir müssen es nur noch entdecken.

Wir beschließen, einer schwedischen Stadt eine neue Chance zu geben. Das Wetter ist so mittel und wir sind in der Nähe einer ebensolchen Stadt, die uns neugierig gemacht hat.

Als wir in Linköping ankommen, reißt der Himmel auf und es wird zaghaft sonnig. Erstmal was geiles essen beschließen wir und wandern in die Innenstadt. Wir finden ein Restaurant mitten auf dem Marktplatz, lauschig unter Schirmen, die Ferkelwärmer heizen von oben und wir haben einen prima Ausblick auf einen Brunnen und die entspannten Menschen drumrum.

Es ist später Vormittag, das Restaurant hat gerade erst geöffnet und so sitzen wir, plaudern, genießen die Sonne und die Wärme der Strahler und warten auf die Karte. Rechts und links werden die ersten Getränke, kurze Zeit später das erste Essen gebracht. Hmm, komisch. Beim nächsten vollbepackten Tablett, welches der Kellner leichtfüßig an den Nachbartisch bringt, fragen wir nach der Karte.

„Sie können den Code hier scannen und mit Ihrem Handy bestellen“ sagt er freundlich, zeigt flüchtig auf einen winzigen Aufkleber auf unserem Tisch und verschwindet wieder.

Alles klar, wir scannen, scrollen, brechen den Bestellvorgang ab, scannen erneut und irgendwann haben wir es geschafft, online auszuwählen, zu bestellen und zu bezahlen. Keine 10 Minuten später haben wir ein wirklich gutes Essen, Getränke und keine Scherereien mit dem Bezahlen, als wir gehen wollen. Das ist echt cool. Wenn Du es einmal geschnallt hast, ist es herrlich einfach und modern. Der Charme des „bedient werdens“ im Restaurant geht ebenfalls nicht verloren.

Nach dem Essen schlendern wir durch das Städtchen und holen uns noch ein Eis bei „Gelato amore“. Na, wenn das kein Omen für die nächste Etappe ist.

Pleiten, Pech und Perfektion

Das dumme an Erwartungen ist ja, dass man(n) sie hat. Das zweite dumme daran ist, dass jeder so seine ganz eigenen hat. In dieser Hinsicht könnte man unsere kleine Reisegruppe als ausgesprochen differenziert bezeichnen.

Ganz so philosophisch fühlt es sich gerade nicht an, wir haben die letzten Tage einfach mal als „chaotisch“ zusammengefasst. Warum sollte es in Schweden auch anders sein als zuhause? Der blaue Zaun fährt mit – vor allem im Kopf.

Aber der Reihe nach. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Wasser. Es regnet die ganze Nacht in dem kleinen Fischerdörfchen, aber das stört uns nicht. Ob es am Wein lag oder daran, dass wir schon nass waren, weiß ich nicht mehr.

Der nächste Morgen präsentiert sich jedenfalls kitschig-schön. Ach übrigens: auch das können die Schweden, Kitsch. Mit ihren perfekten Sonnenauf- und untergängen sollten sie Postkarten verkaufen. Ach so, Mist. Postkarten schreibt ja heute kaum noch jemand. Jedenfalls nervt es kolossal, wenn Du dich so richtig schön reingesteigert hast, alles doof und ungerecht finden willst – und dann kommt da so ein perfekter Sonnenaufgang daher. Ekelhaft. Du musst es einfach schön finden. Und vergisst ganz nebenbei, dass du dich eigentlich ärgern wolltest.

Der Sonnenaufgang macht Hoffnung, mir jedenfalls. Noch schnell das ein oder andere erledigen, ein perfektes Räucherfisch-Frühstück und dann fahren wir rechtzeitig los zu einem traumhaften Stellplatz, allein am See mit Sonnenschein, Weltfrieden und freier Liebe. Hat das in den 68ern damals eigentlich geklappt? Ich bin mir nicht sicher. Bei uns wird es so sein, ganz sicher.

Als ich mich auf den Weg zum Fischer mache, um das perfekte Frühstück zu organisieren, werde ich gebeten ein paar 10er Kronenmünzen zu tauschen, für die Waschmaschine. Der erste Knick im Universum – aber das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist selbst mir völlig klar, dass wir die Handtücher, die wir gestern zum Hochwasserschutz eingesetzt haben, waschen und trocknen müssen, bevor es weiter geht. Passt ja auch alles. Es ist noch früh am Morgen und während wir in Räucherfisch schwelgen, läuft ganz nebenbei die Maschine. In spätestens zwei Stunden können wir los.

Der Fisch ist perfekt – nur die Waschmaschine ist besetzt. Na gut, ein wenig Verzögerung gibt’s ja immer. Irgendwann gegen Mittag sind die Handtücher gewaschen. Das Universum meint es gut mit uns – es gibt auch einen Trockner. „dann könnten wir doch auch die T-Shirts noch schnell …“

Ja klar, kein Problem. Der rausgesuchte, perfekte Stellplatz am See ist ja nicht so weit weg. Und so ein kleines, niedliches Fischerdorf ….

…. wird ab Mittag brechend voll. Auch in Schweden sind Ferien und das hier ist offensichtlich ein beliebtes HotSpot. Ich mag es, wenn alle 2min ein Auto vor mir einparkt und gut gelaunte Familien – sprich lärmende Kinder und erziehungsbemühte, ebenso laute Eltern – ausspuckt.

Was ich an der geliebten Hausbesetzerin, neben vielen anderen Eigenschaften, so bewundere, ist ihr Timing. 5 Minuten vor dem prognostizierten Ende der Trocknerlaufzeit geht sie los, um die fertige Wäsche zu holen. Und dann können wir auch schon los.

Ich mache Walter derweil reisefertig. Ich hätte in der Zeit das ganze Haus mit dem blauen Zaun renovieren können, solange bleibt die geliebte Hausbesetzerin fort.

Irgendwann kommt sie zurück und jetzt sehe ich sie, schon von weitem: die Delle im Universum:

„ich brauche mal Deine Hilfe, da ist kein Strom“ sagt das Universum fast flehend.

Ich mag es ja, der Problemlöser zu sein. Ich mag aber auch perfekte Stellplätze am See.

Naja, erst das eine, dann (vielleicht) das andere. Der Trockner ist tot, die Wäsche nass. Zwei Maschinen Handtücher und T-Shirts. Schön sauber, aber klatschnass. Irgendwann finden wir den Knopf der Erlösung, welcher den Überhitzungsschutz wieder aufhebt und sich an der kochend heißen Rückwand des alten Trockners befindet. Und der möchte alle 10min gedrückt werden. Aber das finden wir erst zwei Stunden später raus. Zunächst gehen wir davon aus, dass ab jetzt alles läuft. Inkl. Trockner.

Zwei Stunden später: nach einem Besuch im völlig überfüllten, örtlichen Café, einem lauschigen Moment in der Sonne zusammen mit hunderten aufgeregten Kindern ist alles wie vorher: die Wäsche halb nass, wir spät dran und genervt.

„wir machen das jetzt so: die T-Shirts hänge ich auf Bügel, die Handtücher nehmen wir so und später trocknen wir einfach alles in der Sonne“. Ich mag pragmatische Ansätze, ich mag meine Mannschaft und mit einem Wohnmobil als Wäschekammer komme ich klar.

Mit einer minimalen Verzögerung von 5 Stunden fahren wir los. Ich freue mich schon auf den perfekten Schweden-Moment: ein einsamer See, Ruhe und einen selbst gefangenen Riesenfisch auf dem Grill. Selbst auf den obligatorischen Sonnenuntergang an eben jenem See kann ich mich schon wieder freuen.

Walter schnurrt, Karlchen schläft und das Navi sagt, in 3 km rechts abbiegen.

Meistens folge ich ja brav, wenn eine Frauenstimme mir sagt, was ich tun soll. So auch diesmal. Walter stolpert kurz, denn von der Autobahn geht es direkt á mente auf eine Schotterpiste quer durch den Wald. Kein Grund zur Sorge, Walter ist ganz anderes gewohnt und Schotterpisten gehören in Schweden zum normalen Straßennetz. Wir fahren durch einen traumhaften Wald, ich genieße den Anblick und klatsche mich selbst innerlich ab – denn genauso habe ich mir das vorgestellt. Dass sich rechts neben mir eine ganz leichte Verspannung aufbaut, merke ich in meiner Euphorie gar nicht.

„Wenn wir jetzt noch einen Elch sehen, wird es ein Björni-Tag“ plappere ich in die Stille, gerade als wir an sowas ähnlichem wie einem Ortsschild vorbeifahren. Der Ort heißt „Björneborg“.

Den Ort passieren wir zügig, weiter geht es durch den Wald und irgendwann rechts ab. Auf eine noch etwas schmalere Schotterpiste. Irgendwann sagt das Navi „in 300m rechts abbiegen, dann haben Sie das Ziel erreicht.“

„Das Ziel“ ist eine Treckerspur, welche einen leichten Abhang hinab zu einem See führt. Jetzt nehme ich auch die nicht mehr ganz so leichte Verspannung neben mir wahr. Ich bringe Walter zum Stehen und steige mit dem Versprechen aus, den kurzen Weg zunächst zu Fuß zu erkunden. Sicher ist sicher.

Ich gehe hinab und finde mich an einem der schönsten Plätze wieder, die ich je gesehen habe. Eine sanfte Lichtung am Ufer eines spiegelglatten Sees. Rechts und links ein paar Birken, dahinter dichter, sattgrüner Wald. Einsamer, kitschiger und perfekter könnte es nicht sein.

Der Platz hat eine Feuerstelle, zwei urige Boote liegen im Schilf und es ist gerade so viel Platz, dass Walter sein neues Kunststück – auf der Stelle zu wenden – unter Beweis stellen könnte. Die Sonne macht sich schon bereit, kunstvoll hinter den Bäumen am anderen Ufer des Sees zu versinken.

Ich laufe zurück, rutsche auf dem feuchten Waldboden fast aus und bedeute meiner Mannschaft, dass dies der perfekte Platz für all unsere Vorstellungen von Schweden ist. Aufsitzen, Motor starten, runter schaukeln.

Wir hatten uns bisher noch nicht darüber unterhalten, was genau wir eigentlich mit „perfekt“ meinen. Auf jeden Fall stellt sich heraus, dass es feine Unterschiede gibt.

Nach einem kurzen Moment des Abwägens kommt für Walter die Ansage „bitte wenden“. Und die Stimme kommt diesmal nicht aus dem Navi. Als hätte er nie etwas anderes getan, wendet Walter auf der Stelle und setzt an, den Weg zurück auf die Schotterpiste zu nehmen.

War es vorhin eigentlich auch schon so rutschig hier, als wir angekommen sind? Hmm. Ich kann mich nicht erinnern, weiß aber, dass akademische Betrachtungen uns jetzt nicht weiter bringen.

Walter gibt alles, rutscht nach 2 Metern vorwärts aber wieder 4 Meter zurück. Wir versuchen es nochmal, und nochmal. Der Dreck spritzt, Walter stöhnt und die Räder drehen auf der Stelle. Eine hübsche Rinne haben wir da ausgefahren, stehen aber immer noch auf der Hälfte des Weges.

Innen herrscht eisiges Schweigen. Da hilft nur entschlossenes Handeln. Aber was genau? Erstmal aussteigen. Und entschlossen gucken. Auf eine nasse, rutschige Piste, 3,6 t Lebendgewicht, Sommerreifen und Vorderradantrieb. Perfekt – um einfach nicht dort hoch zu kommen.

Ich krame gedanklich in meinen Erinnerungen. Was haben wir denn früher gemacht? Als ich mit meinem Trabi und einem viel zu großen Boot auf dem Anhänger am See stecken geblieben bin? Wir haben das Boot stehen gelassen und sind rückwärts durch den Schlamm gerobbt. Außerdem haben 2 Mann geschoben. Alles keine Option.

Also stapfe ich in den Wald, suche und finde trockene Birken- und Kiefernäste. Die drapiere ich kunstvoll, quer zur gewünschten Fahrbahn, über die schlimmsten Stellen auf unserer Schlammpiste.

Ich habe Vertrauen zu Walter, zu mir und zum Universum – auch wenn es gerade mehr als deutliche Dellen hat. Diese äußern sich nicht nur dadurch, dass wir hier feststecken. Aber dafür habe ich gerade keine Zeit.

Ich lasse Walter ein wenig zurückrollen, denn mit ein wenig Schwung im Leben habe ich doch schon so vieles erreicht.

„Los Walter, dass schaffst Du“ …. rede ich hier tatsächlich gerade mit einem Wohnmobil? Ja!

Und es hilft. Walter heult auf, der Dreck spritzt am Fenster vorbei, aber wir bekommen Schwung. Und schieben uns Zentimeter für Zentimeter voran. Als wir uns endlich über den trockenen Reisig schieben, packt Walter kraftvoll zu, heult auf und zieht uns die letzten Meter auf die rettende Schotterpiste.

„Würde ich nur mit Allrad empfehlen“ lese ich später in der App zu diesem Stellplatz. Ich würde neben Allrad vor allem empfehlen, die Wünsche an einen Stellplatz in der Reisegruppe etwas genauer abzustimmen.   

Inzwischen ist die Sonne untergegangen, wahrscheinlich ekelhaft schön mit einem sanften Platsch in irgend einen See. Davon sehen wir aber nichts, denn wir sind mitten im Wald. Auf dem Weg zu einem x-beliebigen Parkplatz, der uns ein wenig Ruhe für die Nacht gibt. Aus dem perfekten Stellplatz ist inzwischen nur noch der Wunsch geworden, zu stehen. Irgendwo.

Der nächste Parkplatz ist nur 3 km entfernt. Wenn man sich nicht hoffnungslos im Wald verfährt. Dann sind es 12. Irgendwann kommen wir trotzdem an. Inzwischen ist es dunkel. Aber so sehen wir wenigstens nicht, wie scheiße dieser Parkplatz ist.

Wasser marsch!

Also wäre das auch geklärt: die Schweden können nicht nur Knäckebrot, frischen Fisch und süße Plunderteilchen in Perfektion. Nein, sie können auch Gewitter, aber so richtig!

Nach dem Kulturschock auf dem MegaCampingplatz in Askim wollten wir nur eins: weg

Symbolträchtig haben wir unseren ganzen Sch… auch gleich da gelassen, also einmal ordentlich ver- und entsorgt und alle Tanks frisch aufgefüllt.

Karlchen hat sich nochmal ordentlich ins Gebüsch gehockt und dann wurde es aber auch Zeit, loszufahren. Schranke hoch, Walter durch, gute Fahrt.

Es geht Richtung Norden, an die Südspitze des Vänern-Sees. Dort soll es ein kleines, süßes Fischerdorf geben, mit ein paar Stellplätzen direkt am Hafen.

Ein kalter Entzug von dem, was wir Zivilisation nennen, war uns dann aber doch zu hart. Deshalb haben wir auf dem Weg noch schnell bei einem dieser MegaShoppingCenter angehalten. Auch bei einem reduzierten Leben muss man ja irgendwas essen. Und wenn gerade kein Wald mit Pilzen, Blaubeeren und Kräutern in der Nähe ist, können wir genauso gut unserer Lust auf geiles, abgepacktes Zucker-Salz- und Fettessen frönen. Außerdem waren wir neugierig, was man in einem schwedischen Megastore so alles entdecken kann.

Zunächst die alten Bekannten: von Nivea über Haribo, Milka, Kelloggs und Knorr gibt es hier alles, was die Supermärkte auch in Deutschland und wahrscheinlich ganz Europa dominiert.  

Aber dann wurden wir fündig, am Ende hatten wir fast nur schwedischen Schweinkram im Wagen: Schmelzkäse aus der Tube, wahlweise in den Geschmacksrichtungen Hummer, Petersilie, Elchsalami oder Bacon. Hunderte Sorten Knäckebrot, Fisch und Garnelen als Salat, Paste, in der Dose, getrocknet, geräuchert, gepökelt oder als Chips. Herrlich klebrigen Blaubeerrührkuchen. Und das Highlight: Zimtschnecken. Die Hamburger Morgenpost wählt ja jedes Jahr das beste Franzbrötchen der Stadt. Sorry, aber ihr müsst weinen gehen: diese Zimtschnecken hier vom Bäcker sind der Himmel auf Erden!

Ein Mitglied dieser illustren Fahrgemeinschaft behauptet ja, ich sei essensverliebt. Ich sag mal so: gestern Abend hatte ich eine Orgie.

Das gute daran, essensverliebt zu sein ist ja, dass man trotz unübersehbarem Bauchansatz und fettigen Fingern ständig Dates haben kann. Mein nächstes wartete schon in Spiker, dem kleinen Fischerdorf zu dem wir fahren wollten.

Als wir ankommen, finden wir einen Platz mit direktem Blick auf den kleinen Hafen. Romantisch, fast kitschig ist es hier. Da Walter, das Wohnmobil ja frisch versorgt, aufgefüllt und aufgeräumt ist, haben wir keinen weiteren Auftrag. Schnell noch die Luken auf, frische Luft reinlassen und rüber zum Hafen. Der Versorgungsbeauftragte des Nachbarcampers kommt gerade mit vollen Tüten zurück und erzählt seiner Frau, dass er viel zu viel Räucherfisch gekauft hat, aber der hält sich ja ein paar Tage.

Es gibt zu viel von irgendwas? Vor allem von Räucherfisch? Menschen sind sonderbar.

Wir schlendern durch den Hafen und sind ganz entzückt. Karlchen schnuppert voran, geradewegs zu einer kleinen Hütte mit einem vielversprechenden Schild vor der Tür. Ich kann zwar kein Schwedisch, aber der verliebte Blick eines hungrigen Kenners entdeckt sein nächstes Date auch ohne Worte.

Alter Schwede, wenn ich Walter nicht so verbunden wäre, würde ich hier einziehen: Räucheraal so dick wie mein Oberarm, Lachs so frisch, glänzend und saftig wie … egal. Dorsch, Hering und Zander in allen Variationen. Ich kann mich gar nicht entscheiden.

Zum Glück reise ich ja nicht allein, sondern die Vernunft in Form der geliebten Hausbesetzerin ist auch mitgekommen. Wir beschließen, dass der Fisch unsere Frühstücksorgie wird und es morgen früh ein Wiedersehen geben wird.

Wir schnüffeln noch ein wenig weiter durch den Hafen, als uns ein paar Tropfen treffen. Ein kurzer Blick nach oben verrät: oh ha! Während uns beim Räucherfisch das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, haben sich da oben ganz andere Wasserquellen versammelt. Und dann geht es auch schon los, die Schleusen werden geöffnet. Wir schaffen es auf etwa 200m bis zu Walter, dann müssen wir uns in ein kleines Buswartehäuschen flüchten, wenn wir nicht wegespült werden wollen. Es blitzt und donnert, als würde Thor dort oben seine Hochzeit feiern.

Nach 20 min wage ich einen Blick aus dem Häuschen: keine Besserung in Sicht, die Party hat gerade erst begonnen.

Durch den Vorhang aus Wasser schlüpft ein freundliches Paar im besten Alter. Es stellt sich heraus, dass sie aus der Stadt kommen, in der ich großgeworden bin. Wir plaudern angeregt über die schönsten Plätze dort und in Schweden, ich bin ein wenig neidisch über die mehr als 4 Wochen Zeit, die die beiden sich für Schweden schon nehmen, während Karl Angst vor Gewitter und die geliebte Hausbesetzerin vor dem Wasser da draußen hat.

Wasser? Warte mal…. hatte ich vorhin nicht frische Luft in das Wohnmobil gelassen? Durch die Dachluke? Wo Luft rein kommt, kommt auch Wasser rein….

Es sind nur 200m bis zu Walter. Allerdings quer durch einen Wasserfall biblischen Ausmaßes. Andererseits ist es jetzt auch egal. Was jetzt noch offen ist, war auch vor 20min schon offen.

Frau und Hund durch die Fluten zu zerren ist keine Option, nicht für uns und auch nicht für das freundliche Paar. Er beschließt, zu ihrem Camper zu laufen und sie hier abzuholen. Sie wollen noch weiter und es ist schon recht spät.

Sein Angebot, mich mitzunehmen und uns alle ins Trockene zu fahren, lehnen wir leichtsinnig ab – es kann ja nicht mehr so lange dauern. Dachten wir. Gerade als die beiden fröhlich winkend davon fahren merken wir, wie blöd wir eigentlich sind.

Und schon wieder so ein Moment für „lass das mal den Papa machen“. Noch ein kurzes Zögern, aber dann überwiegt der Heldenmut: ich laufe los, versuche über Pfützen zu springen und lande doch mittendrin, so groß sind sie. Walter weint. Oder ist es nur der Regen, der in Sturzbächen an ihm herunter läuft?

Es ist der Regen – oder können Wohnmobile auch von innen weinen? Ich stehe mit den Füßen im Wasser, als ich die Tür endlich aufhabe. Das ist die perfekte Gelegenheit, endlich auch unsere Handtuchvorräte drastisch zu reduzieren. Fühlt sich ein wenig an wie in einem Sumpfgebiet, als ich die geliebte Hausbesetzerin und Karlchen an der Bushaltestelle abhole.

Irgendwie schaffen wir es, aus dem Amphibienfahrzeug wieder ein Wohnmobil zu machen. Und bei beschlagenen Scheiben, Kerze und Rotwein im Trockenen zu sitzen ist ja auch ganz romantisch.

reduce to the max

“ich mag dieses reduzierte Leben”

„hmmhmm“ antworte ich, während ich den kleinen Alukoffer mit dem Grillbesteck öffne und das Weiderindersteak auf dem Edelstahl-Klapp-Grill elegant wende. In der linken Hand habe ich ein gut gekühltes Bier, mein Blick schweift über den spiegelglatten See, in dem sich die Abendsonne in sattem orange-rot spiegelt.

Per App haben wir diesen schönen Stellplatz gefunden, die Mobilfunkverbindung in Schweden ist bislang hervorragend – egal wo wir sind. Walter scheint ebenfalls zufrieden, ohne viel murren stellt er sich mit einer perfekten Blickachse ab.

Wir stehen direkt am See, eingerahmt von einer Handvoll Birken, deren Blätter im Wind leise wispern. Der unverstellte Blick ist so kitschig, dass ich mir erstmal die Tränen aus den Augen wischen muss, um überhaupt etwas zu sehen. Schön, einfach schön!

Ohne viele Worte beschließen wir, für zwei-drei Nächte hier zu bleiben.

Lass‘ mal in Klischees denken: ich kümmere mich um den Außenaufbau, die geliebte Hausbesetzerin rüstet innen von reisen auf stehen um.

Eine Stunde später ist Walter mittels Auffahrrampen ausgemittelt, die Markise gespannt, Tisch, Stuhl, Grill, Sofa und Petroleumlampe aufgebaut. Der Kühlschrank auf Gasbetrieb umgestellt, der Weinkanister griffbereit platziert, Teller, Gläser, Besteck, Fleisch, Käse, Salat und diverse Saucen stehen bereit.

Das reduzierte Leben kann beginnen.

Gerade als ich mich mit einem leichten Schweißausbruch und der Feierabendzigarette aufs Sofa plumpsen lasse, kommt eine schwedische Familie an den See.

Lass‘ mal in Klischees denken: alle vier kommen mit dem Fahrrad, Modell Hollandrad in blau-gelb, Flechtkorb am Lenker. Mama und die beiden Mädchen strohblond mit geflochtenen Zöpfen. Ihre geblümten Sommerkleidchen tanzen mit dem Wind, sie plaudern und lachen, während sie barfuß vom Fahrrad steigen.

Papa hat den Rucksack auf, er ist groß gewachsen, dunkelblond mit rotem Schimmer und einer kurzen Cordlatzhose am schlanken Körper.

Bestens gelaunt zaubert er zwei große Handtücher und vier Flaschen Blaubeerlimonade aus dem Rucksack. Zwei Minuten später springen alle kreischend in den See.

Als wir nach dem Sonnenuntergang von Rotwein auf Gintonic wechseln, fährt Familie Bullerbü nass und zufrieden wieder nach Hause.

Wir genießen die einsetzende Stille der Nacht und stellen erneut fest, dass wir dieses reduzierte Leben sehr lieben.

Ja, tatsächlich. Wir haben allen erdenklichen Schnick-Schnack an Bord, das ist kein Camping, das ist Glamping. Aber was soll’s – solange Walter Kraft und Lust hat, den ganzen Krempel mit zu schleppen, freuen wir uns sehr über die kleinen und großen Annehmlichkeiten. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier am See auf einem saubequemen Sofa zu sitzen. Aber dann hätte diese Rubrik keinen Namen und wir weniger Spaß.

Und trotzdem haben wir reduziert. Den Lärm des Alltags, das Müssen und Sollen, die Termine und Pflichten, das Bewerten und Zaudern, das Rennen und Hetzen. Wir sind einfach da, inmitten von Luxus und Bequemlichkeit, aber einfach da. Heute zum Beispiel hier. Und morgen irgendwo anders. Und das macht frei.

Morgen früh werde ich weiter reduzieren und springe nackt in den See. Zur Not mache ich anschließend einfach die Heizung an.

Ort:                      „Sveaskog“, 305 94 Eldsberga

Stellplatz:            Natur-Parkplatz, Rasen/Naturboden

Charakter:          sehr idyllisch, romantisch und natürlich
                              1-2 Wohnmobile
                              ausreichend Platz, direkt am Wasser

Sanitär:                nur das, was Du selbst an Bord hast

Kosten:                —

Lage:                    direkt am Seeufer, geht von einer mittleren, mäßig befahrenen Straße ab

Infrastruktur:     Wasser, Holz, Wald, Sonne, leichte Brise, Bäume für den Schatten

Fahrrad:              zu empfehlen, um in die nähere Umgebung zu kommen

auf dem Platz:   Badestelle, Feuerstelle
                              wird recht rege von Einheimischen zum Baden, Angeln und Picknick besucht  

Empfehlung:       7-8 von 10
                              (uns war es durch die Tagesbesucher teilweise einen Hauch zu unruhig.
                              Das lag aber sicherlich an den schwedischen Ferien + Wochenende)