Zwei Blondinen und der Gaspreis:

Erkenntnisse nach 8 Wochen Leben im Wohnmobil

Björn & Soni halten durch: nach 8 Wochen Leben im Wohnmobil gibt es viele ungeklärte Fragen, Erkenntnisse die die Welt verändern (könnten) und jede Menge unbezahlte Werbung.

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Schlimm, diese Touristen

Heute sind sie kaum zu sehen. Am Strand sind nur die hartgesottenen – in ihren Strandkörben, die sie hoffnungsvoll schon für die ganze Woche gebucht haben. Ist ja sonst bestimmt keiner mehr frei.

Ein paar laufen die Promenade hoch und runter, dick eingepackt in ihrer Funktionswetterkleidung von Wolfskin oder Schmuddelwedda – vorzugsweise im Partnerlook.

Einige lungern in den Cafés und Restaurants rum und trinken heißen Kakao mit Eierlikör.

Aber die meisten sitzen wahrscheinlich in ihrer 20qm Ferienwohnung und schimpfen über das Wetter. Es ist aber auch windig heute an der Ostsee! Und kalt! So ein Ärger – und das im Urlaub.

Die anderen, die weder am Strand noch in einer der anderen Ferienattraktion darauf warten, dass es endlich Sommer wird, sind heute morgen abgereist. Es ist nämlich Samstag – Bettenwechsel. Und das heißt, dass sich pünktlich ab kurz nach 10 Uhr eine Blechlawine Richtung Autobahn über die Strandallee schiebt.

Die meisten haben trotzdem etwas Farbe im Gesicht, die Kinder haben 5kg Muscheln vom Strand ins Auto geschmuggelt und Mutti denkt die ganze Zeit schon darüber nach, ob sie mit dem Wäscheberg noch heute Abend anfangen soll oder ob sie erst noch schnell bei Tante Erna vorbei schauen soll, wenn sie zuhause in Castrop Rauxel angekommen sind.

Mit dem 9-EUR-Ticket fing es an. Menschenmassen tummeln sich am Strand, auf den Fahrradwegen, in den Restaurants und den Shops für Funktionswetterkleidung. Alle fahren an die Ostsee. Anfangs nur am Wochenende, seit südlich von Rahlstedt die Ferien begonnen haben, 7 Tage die Woche.

Unser kleiner Lieblings-WoMo-Hafen in Scharbeutz ist natürlich auch voll besetzt. Ab Freitag heißt es meistens „Leider alle Plätze belegt“.

Und wir mittendrin. Auch wenn wir – ganz namenstreu – unseren Lieblingsplatz besetzt und gegen alle Bestechnungsversuche seit 6 Wochen tapfer verteidigt haben.

Touristen sind ja ein eigenes, bemerkenswertes Völkchen. Auch wenn sie im wahren Leben natürlich alle ganz unterschiedlich und total individuell sind – kaum haben sie ein freies Wochenende oder Urlaub an der Ostsee, wollen Sie nur eins: die perfekte Erholung. Ostsee, wie sie im Buche (bzw. Katalog) steht: Sonnenschein, milde 23 – 25°, bitte nur ein leichter Wind, entferntes Möwenkreischen und Fischbrötchen auf die Hand. Das Wasser bitte angenehm warm, aber trotzdem erfrischend, die Pizza original italienisch und am Abend einen unterhaltsamen Einheimischen mit diesem sympathischen, norddeutschen Dialekt hinterm Tresen.

Weil: muss ja! Immerhin haben sie nur zwei Wochen Zeit, um sich von den ätzenden Kollegen, dem stressigen Anwaltsjob oder den vielfältigen Verpflichtungen im heimischen Sportverein zu erholen.

Und dann wird auf Kommando entspannt! An den Strand geht es mit dem Umzugs- ähhm Bollerwagen. Darin stapelt sich alles, was man für einen perfekten Strandtag so braucht: Decken, Handtücher, Windschutz, Eimer, Schaufel, Backförmchen, Käscher für die Kinder, drei neue Bücher für einen selbst, Handy, Tablet, Sonnencreme, Sonnenschirm, Sonnenbrille und Essen. Ganz wichtig: Essen. Da wird getuppert, mit Tüten geknistert, Frikadellen gebraten, Brote geschmiert, Salate gezaubert, Bier gekühlt, Süßigkeiten gestapelt und Melone geschnitten. Und wenn sich die ganze Musterfamilie nach 3 Stunden Sonnenschein das erste Mal ins Wasser traut, freuen sich die Möwen über den reich gedeckten Tisch.

Das ist der große Moment für Werner im Strandkorb nebenan, der die Möwen nämlich lautstark verscheucht und sich über die frechen Viecher mal so richtig aufregen kann. Letzte Woche fand er es noch ganz lustig, sie mit den Resten von Muttis Leberwurstbrot zu füttern – aber das hier geht eindeutig zu weit. Die können doch nicht …. ach, und jetzt haben sie sich doch tatsächlich die Tüte Chips aus dem offenen Bollerwagen geklaut und fliegen damit auf und davon. Diese Mistviecher!

Als Urlaubsfamilie Mustermann zitternd aus dem Wasser zurück kommt, werden sie ausführlich über Werners Heldentaten aufgeklärt und ermahnt, künftig doch lieber eine Möwenwache am Handtuch zurück zu lassen. Er würde das zur Not auch übernehmen – man muss ihm nur bescheid sagen. Er selbst geht ja nicht mehr ins Wasser: er und Hilde kommen seit 20 Jahren hierher in den Urlaub und im Wasser war er nun wahrlich oft genug in seinem Leben.

Die anderen Strandbesetzer verscheuchen daraufhin jede Möwe, die es nur wagt in Werners Nähe zu kommen oder packen ihre mitgebrachten Leckereien dreifach gesichert in alle vorhandenen Taschen mit Reisverschluss und Druckknöpfen.

Ich liege auf meinem Handtuch daneben und beobachte den frechen, wissenden Blick der zwei Möwen. Sie scheren sich einen Dreck um Werners Vorstellungen, wer hier am Strand was darf und was nicht. Erstens sind sie länger hier, als Werner Urlaub hat. Und zweitens können sie fliegen. Beides nutzen sie geschickt aus, um sich die nächste verlassene Decke und die nächsten frisch angekommenen Urlauber zu suchen. Gerade eben außerhalb Werners Blickweite. Eine clevere Möwe fliegt nämlich nur so weit sie muss.

Nach einer Weile rolle ich mein Handtuch zusammen, lasse mich auf dem Weg von einem CatCar fast überfahren und muss innerlich grinsen, dass Hans-Peter das vierte Eis heute nun wirklich nicht mehr darf. Zumindest nicht, bevor es etwas richtiges zu essen gab.

Als ich beim WoMo-Hafen ankomme werde ich ungläubig gefragt, ob ich „tatsächlich am Strand, bei diesem Massentourismus“ war?! Ja klar, warum denn nicht? Genau deshalb bin ich doch hier – weil ich die Ostsee und den Strand liebe! „aber doch nicht jetzt, in der Saison! Diese Touri-Massen – ganz schlimm….

Hmm, ich denke kurz darüber nach. Die ganzen Touristen kommen aus genau den selben Gründen hierher, warum auch wir hier sind. Und bis vor kurzem waren auch wir „Touristen“. Sogar die schlimmsten von allen – die Wochenend-Touris.

Bis zu dem Tag in der letzten Woche, als die geliebte Amtsstubenbesetzerin uns umgemeldet hat. Ein Formular, zwei Unterschriften – zack bist Du Einheimischer.

Und was soll ich sagen? Irgendwie fühlt es sich doch ganz geil an. Ich beobachte mich dabei, wie ich ein leichtes Gefühl der Überlegenheit bekomme, wenn ich am Strand meinen Ausweis statt der Kurkarte vorzeige. Oder im ReWe „ganz normal“ einkaufe, statt für zwei Wochen Ferienwohnung.

Aber das ist ungerecht. Denn ich mag die Touristen und bin ihnen sogar dankbar.

Touristen sind immer da, wo es besonders schön ist. Darüber kann man schimpfen – aber ganz ehrlich: würdest Du in die mitteldeutsche Tiefebene rund um Magdeburg in den Urlaub fahren? Oder zu einem Autobahndreieck irgendwo in NRW? Eben!

Nun gibt es Touristen, die die Berge lieben, oder die Heide oder eben das Meer. Überall, wohin (viele) Menschen in den Urlaub fahren, ist es meistens schön. Klar, noch schöner war es dort bestimmt, bevor die Tourismusbranche ein großes Urlaubs-Disneyland aus dem ein oder anderen Urlaubsort gemacht hat. Aber viele schöne Urlaubsgegenden haben sich ihren Charme bewahrt. Wir finden, so ist es in Scharbeutz.

Und wären wir nicht als Touristen wie viele andere auch hierhergekommen, hätten wir nie beschlossen hier zu leben. „Leben wo andere Urlaub machen“ klingt so verlockend und romantisch. Ist es tatsächlich auch. Aber der Teil „… andere Urlaub machen“ gehört eben immer noch dazu.

Und ganz ehrlich – wie geil ist es bitte, hunderte Restaurants, Cafés und Eisdielen auf wenigen Meter Promenade zur freien Auswahl zu haben? Und tatsächlich, da dürfen auch Einheimische hingehen. Machen sie auch, wir zumindest.

Aktuell haben wir ja auch Zeit dafür. So ein Wohnmobil ist schnell aufgeräumt, geputzt und wohntauglich – selbst wenn ein kleiner, haariger Quälgeist mit darin lebt. Und dann haben wir Feierabend. Kein Garten, keine Fenster putzen, keine Mitgliederversammlung im örtlichen Sportverein. Tagsüber arbeiten, Abends Urlaub.

Ich erwische unsere kleine Mannschaft gelegentlich dabei, darüber nachzudenken, für immer im Wohnmobil zu leben. Recht günstig ist es ja auch noch.

Aber dann erinnern wir uns daran, wie wenig meine Platzprinzessin kleine, enge, feuchte Räume hat – also eigentlich ja nur 1 Raum. Herbst und Winter sind nicht die schönsten Jahreszeiten, um zu dritt auf engstem Raum zu leben.

Die Ostsee dagegen lieben wir auch im Herbst und Winter sehr – ganz ohne diese nervigen Touristen.

Und deshalb freuen wir uns unbändig darauf, bald in unser kleines Strandhäuschen ziehen zu können, welches ein zwei Räume mehr, eine Waschmaschine, eine richtige Dusche und einen Geschirrspüler hat.

Eine Ferienwohnung mit dieser Ausstattung könnten wir uns hier nämlich gar nicht leisten!

Habt einen schönen Urlaub da draußen und seid nachsichtig mit all den anderen Touristen – ihr seid ja auch welche. Irgendwann und irgendwo einmal.