Schrankwand trifft Van – eine Plauderei unter Campern

Moin Herr Nachbar!

Wenn man auf dem Platz nebeneinander steht, kann man sich ja auch mal unterhalten.

Vor allem, wenn ein Van und ein Wohnmobil nebeneinanderstehen. Bei dem ein oder anderen Glas Wein wird es im Walter richtig gemütlich.

Viel Spaß bei philosophischen Betrachtungen über Schrankwand vs. Van, Gasgrill vs. Holzkohle, Handstaubsauger vs. Handfeger und den heißesten Tipps für den nächsten Traumplatz.  

Heute mit Nick, Marco, Soni, Björni & Karl. Viel Spaß beim zuhören!

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(Empfehlung: der youtube-Kanal von Nick und Marco: VANtertainment – YouTube)

„gibt’s eigentlich schon Kaffee?“

Da sitze ich nun und warte. Während ich warte, schaue ich aus dem Fenster.

Ein freundlicher Herr mittleren Alters eilt vorüber. Kurze Zeit später kommt er zurück, ebenso eilig. Es ist windig draußen. Und kalt. Und dunkel. Aber der Müll musste weg, deshalb hat er sich wohl auf den unerfreulichen Weg gemacht.

Kleine Strudel Laub wehen über den Platz. Schön bunt ist es, das Laub – aber tot.

Vorne geht auch jemand vorbei, ich höre den Kies knirschen. Aber ich kann nichts sehen, die Scheibe ist beschlagen. So ein Ärger, dabei hätte ich so gerne gewusst, wer außer mir noch wach ist um diese unchristliche Zeit. Vielleicht war es die fröhliche Dame von gegenüber, die Karl gestern sofort erkannt hat.

Aber jetzt, da! In der aufkommenden Dämmerung erkenne ich erst ein braun-weißes Fellbüschel, dann eine weiße Jacke. Und eine ebenso buschige Pudelmütze. „na, hat Dein Hund auch so lange gequengelt, bis Du endlich aufgestanden bist?“ denke ich und boxe Karl in die Seite.

Der feine Herr meinte nämlich, heute morgen so lange tippeln, quengeln und an meinem Knie lecken zu müssen, bis ich endlich aufgestanden bin. Da war es 5:43 Uhr.

Die geliebte Bettbesetzerin hat natürlich so getan, als würde sie all das nicht hören. Niedlich schnaufend hat sie sich umgedreht und die Decke dabei mitgezogen. Naja, wenn mir jetzt ohnehin schon kalt ist, kann ich ja auch aufstehen.

„kein Problem, Papa macht das schon“

Und so sitze ich hier um kurz nach 6. Karl hat seine Geschäfte erledigt, Soni liegt warm und trocken und ich schaue aus dem Fenster. Immerhin, so leise es ging, habe ich mir einen Kaffee gekocht. Und wer liebt es nicht, bei Nieselregen, Wind und im Halbdunkeln vor der Tür eine zu rauchen?!

Und Karl? Ach ja, der hat sich natürlich wieder hingelegt und pennt.

Würde ich auch gerne, kann ich aber nicht. Wenn ich einmal wach bin, bin ich wach.

Das ist grundsätzlich kein Problem, ich mag diese besondere Stimmung am Morgen. Aber nicht heute. Denn das da draußen ist keine Stimmung, das ist der Trailer zu einem morbiden Hinterhof-Psycho-danach-kann-niemand-schlafen-Film. Das Wetter und die Stimmung spielen Kläranlage. Und ich mittendrin.

Merkt man eigentlich, dass ich den Herbst nicht mag? Nee, oder? Na dann ist ja gut!

Außerdem bin ich unausgeschlafen. Nicht direkt müde, aber so ….. bääähhhh.

Nach drei Tagen Dienstreise, Kopf mit Konzepten, Ideen und Strategien ausgequetscht und so mittelmäßig geschlafen, hatte ich mich darauf gefreut, auszuschlafen und mich unter die warme Decke der Platzbesetzerin zu stehlen. Aber was macht die? Klaut mir ebenjene Decke und überlässt mich den kalten, nassen Bedürfnissen eines hyperaktiven Teenagers mit Fell.

Naja, es ist wie es ist und nach dem dritten Kaffee kann ich draußen wenigstens auch etwas erkennen. Es wird nämlich langsam hell.

Dadurch passiert aber auch nicht viel mehr auf dem Platz. Herzlichen Glückwunsch liebe Mit-Platzbesetzer: entweder habt Ihr keinen Hund oder eine Traumfrau. Ich habe beides, Hund und Traumfrau. Die träumt nämlich offensichtlich irgend etwas schönes, denn sie lächelt im Schlaf. Und wer kann bei einem solchen Anblick noch schlechte Laune haben?

Ich jedenfalls nicht, also mache ich erstmal den Abwasch. Es sind nur die zwei Weingläser von gestern Abend und ein wenig Besteck.

Habt Ihr schon mal versucht, ohne Geräusche abzuwaschen? Ich wollte die geliebte Traumbesetzerin natürlich nicht wecken. Aber auf 15m² im Inneren von Walter macht praktisch alles Geräusche. Atmen, Anziehen, Kaffee trinken – und natürlich auch abwaschen.

Es ist ein spannendes Experiment, alles was Du tust so leise wie irgend möglich zu machen. Ich habe dabei heute morgen gemerkt, was für ein lautes Trampel ich sonst eigentlich bin.

Jedenfalls, die Traumfrau schläft noch immer – Experiment schein gelungen.

Nun würde ich mich gerne umziehen. Hmm, der Kleiderschrank ist direkt neben dem Bett, also wirklich direkt. Das Waschbecken auch.

Egal, wir sind ja nicht zu Hause, da kann man(n) auch mal etwas länger vor sin hin müffeln.

Also sitze ich so rum, schaue aus dem Fenster und sortiere meine Gedanken. Langsam beginne ich, diesen Morgen doch zu mögen.

Bis auf das kurze Knirschen im Kies ist es still. Und ich mag Stille.

Ich schaue aus dem Fenster, freue mich, dass ich wenigstens den Müll nicht rausbringen muss und stelle irgendwann fest, dass ich gar keine Gedanken habe, die ich sortieren müsste.

„Klingelingeling“

„Klingelingeling“

„Klingelingeling“

Ich werde jäh aus meinen Nicht-Gedanken gerissen. Es bimmelt über den ganzen Platz. Sofort fangen rechts und links in den Campern die Hunde an zu bellen.

„Klingelingeling“

Durch die beschlagene Frontscheibe sehe ich verschwommen den Bäckerwagen ganz langsam vorbeifahren.

Dass der Typ noch lebt, grenzt an ein Wunder. Wie kann man um diese Zeit ….

Oh, es ist tatsächlich schon 9:00 Uhr.

„gibt’s eigentlich schon Kaffee?“ höre ich eine vertraute, ausgeschlafene Stimme aus der Ferne.

Na endlich!

„Ach watt is dat schön ann’e Mosel!“

Gefahr ist im Verzug. Wenn die Weinvorräte im Hause der Platzbesetzer auf weniger als eine Wochenration zurückfallen, bricht plötzlich hektische Betriebsamkeit aus.

Der bevorzugte Weinhändler wird kontaktiert, die aktuellen Lieblingsreben werden mit den aktuellen Angeboten abgeglichen, der Kontostand wird geprüft, Bestellungen werden ausgelöst. Es herrscht ein wenig Aufregung, als würde eines der Kinder auf Klassenfahrt gehen.

Nicht so diesmal. Es herrscht buddhistische Gelassenheit. Selbst Karl ist seit ein paar Tagen total entspannt und hibbelt nur, wenn er wirklich dringend raus muss. Aber Karl hat ja auch keine Ahnung von Wein.

Was ist da los? Leben die Platzbesetzer etwa plötzlich enthaltsam?

HahahahahHahahahaha – ja, sie enthalten sich inzwischen vieler Dingen, die früher einmal wichtig erschienen. Aber ein kalter Wein-Entzug? Kannst Du ja mal versuchen – wir nicht 😉

Nein, der Grund ist so banal wie überraschend: es gibt einen Plan.

Und der sieht vor, dass sich das kleine Camping-Rudel von Walter an die Mosel fahren lässt. Und wo, wenn nicht dort, kann man sich quer durch den Rebengarten probieren und wie nebenbei Vorratshaltung betreiben? Außerdem wollte Björni der geliebten Weinkellerbesetzerin mal zeigen, woher die ganzen liebreizenden Gedichte, Klischees und Kulissen deutscher Romantikfilme so stammen.

Also an die Mosel.

Vor die Fahrt an die liebreizende Mosel …. hat natürlich wieder jemand etwas gesetzt. Wer immer es sonst noch war – Björni war auch dabei. Er wollte nämlich vorher noch „eben schnell“ die Terrasse pflastern, die schon seit 8 Monaten brach liegt. Aber jetzt sollte es sein, sonst schmeckt der Wein auch an der Mosel nicht.

Gesagt getan. Und nach wem rufen Middle-Ager, wenn sie ihre eigenen Fähigkeiten und Ressourcen mal wieder völlig überschätzt haben? Genau – nach Opa. Das ist nicht nur für die Kinderbetreuung hilfreich, sondern auch für das Herankarren terrassentypischer Materialien wie Kies und Platten.

Opa schafft also das Material ran, Björni ruiniert das danebenliegende Beet, seine Kniee und die Geduld aller Nachbarn. Aber am Ende ist die Terrasse fertig und Björni glücklich. Federleicht streicht die geliebte Hausbesetzerin den Punkt von der todo-Liste und sagt „dann können wir ja auch schon los“.

In ihrer grenzenlosen Güte vergisst sie diesmal zu erwähnen, dass wir schon seit 21 Stunden dort sein wollten. Um so viel hat sich der geniale Plan der Platzbesetzer nämlich gerade verschoben. Nach hinten, versteht sich. Aber komm, die Terrasse sieht wirklich gut aus!

Walter schnurrt, Karl schnarcht, Soni fährt und Björni bedient das Navi. Nebenbei hören wir alle Podcast, inzwischen eine unserer Lieblingsbeschäftigungen während der Fahrt.

Unsere Empfehlung: „tierisch menschlich“ von und mit Martin Rütter. Und es geht darin am allerwenigsten um Hunde, ehrlich! Großartige, kluge Unterhaltung! Aber natürlich erst, wenn Ihr unsere letzte Podcastfolge gehört habt 😉

Kein Stau, keine Umleitung, kein Malheur – nach zweieinhalb Folgen Podcast hören und etwas mehr als drei Stunden Fahrt sind wir auch schon da. Es ist zwar inzwischen dunkel, aber ich bin mir sicher, aus der Ferne höre ich die Loreley ganz lieblich singen.

„Ach dat wird aber schön ann’e Mosel!“ kann ich meine Vorfreude kaum im Zaum halten, als wir nach dem zweiten Versuch einen Stellplatz für die Nacht finden. (für den ersten, favorisierten Stellplatz sind wir exakt 13 Minuten zu spät angekommen, aber damit will ich Euch nicht langweilen).

Ich liebe es, von Meeresrauschen, Möwengeschrei und salziger Luft geweckt zu werden.

Und der nächste Morgen bietet mir genau das! Aber es wird noch besser: zum Frühstück soll es Fischbrötchen vom nahgelegenen Wochenmarkt geben. Perfekt – frischer geht es nämlich gar nicht.

Von der Gegend hier haben wir ja schon viel gehört – vor allem Chrischan, unser Gast im letzten Podcast der Platzbesetzer, ist ein großer Fan und hat mir während der Hinfahrt noch ganz viele Insidertipps geschickt.

Wir machen uns also auf den Weg, müssen zweimal über den Deich, dann vorbei an ganz niedlichen, kleinen Reetgedeckten Häusern, Salzgras in den Vorgärten und schon sind wir da.

Deich? Reetgedeckte Häuser? Möwen und salzige Luft?

Hatten die Platzbesetzer ihre erste Weinprobe schon vorm Aufstehen oder ist es der kalte Entzug? Das ist nicht Cochem an der Mosel!

Stimmt, das ist Sankt Peter Ording. Und hier singt nicht die Loreley, hier knurrt die Nordsee.  

Kurz bevor wir zu Hause in den Walter gestiegen sind, haben wir uns noch einmal tief in die Augen geschaut …. (jaja, einen Kuss gab es auch, aber Romantik war erst für die Mosel vorgesehen)… und dabei haben wir beschlossen, dass 7 Stunden Fahrt hin und 7 Stunden zurück für 3 Tage Aufenthalt einfach zu viel sind.

Ein kurzer Blick auf die Karte:

„Was lieben wir?“ Das Meer!

„Wo waren wir noch nicht?“ Nordsee!

„Was kennen wir wenigstens aus Erzählungen?“ Sankt Peter!

Und der Weinvorrat? Der kalte Entzug?

Verschoben. NATÜRLICH hat Walter einen Zwischenboden und natürlich liegt da noch Wein. Das reicht nicht ewig, aber für eine halbe Woche an der Nordsee ganz bestimmt. Und wenn wir wieder zurück sind, können wir ja immer noch hektisch werden.

Auf Hektik haben wir im Moment nämlich gar keine Lust mehr. Da passt es gut, dass uns Sankt Peter mit ordentlich Wind, dunklen Wolken und ziemlich kühl empfängt. Nach dem Frühstück auf dem Wochenmarkt heizen wir Walter auf 25° und ziehen uns zurück. Mehr als ein gutes Buch, ein Mittagsschläfchen und das Rauschen der Nordsee im Hintergrund brauchen wir heute nicht. Naja, später den versteckten Rotwein vielleicht noch.

Am nächsten Morgen hören wir die Loreley wieder singen … ähm die Nordsee rauschen. Um 5:30 bin ich fertig mit schlafen, die geliebte Platzbesetzerin und Karl natürlich noch nicht. Ich schleiche durch das Wohnmobil und will die beiden nicht wecken. Aber bei weniger als 15 m² ist man mit Schleichen auch schnell fertig.

Kaffee kochen geht recht geräuscharm, deshalb mache ich das erstmal. Auch hier sind wir übrigens volles Rohr Klischee: im Walter haben wir Nescafe Gold und was soll ich sagen – ich liebe ihn. Sonst bin ich ja recht wählerisch bei Kaffee, aber hier kann ich es ja verraten: wenn wir 2-3 Wochen mal nicht unterwegs sein können, setze ich mich morgens heimlich in den Walter und koche mir dort einen Nescafe. Soni denkt bis heute, ich wäre in dieser Zeit mit Karl unterwegs. Aber er hat versprochen, mich nicht zu verraten.

So ist es auch heute – Karl ist zwar inzwischen wach, aber schläfrig und still. Irgendwann schnappe ich ihn mir trotzdem und wir drehen die erste Platzrunde. Schön ist er angelegt, der „Reisemobilhafen-SPO“. Aber irgendwie ist es laut hier – und das ist weder die Nordsee noch irgendein anderer, lieblicher Gesang.

Ich werde angeschrien.

Alle 5 Meter steht hier irgendein Verbots- oder Hinweisschild und schreit mich an.

Wie man jemanden mit Schildern anschreien kann?

INDEM MAN ALLES GROSS SCHREIBT und hinter jeden Satz mindestens ein Ausrufezeichen setzt!!!!!!!

Auf dem Klo soll ich die Tür festhalten, wenn es windig ist. Geschirr spülen, Gemüse waschen und jeder andere Missbrauch des Waschbeckens ist strengstens verboten. Wenn ich meinen Impfausweis nicht binnen 72 Stunden per E-Mail versende, werde ich des Platzes verwiesen. Und durch die Schranke fährst Du gefälligst nur einzeln, die schließt nämlich automatisch und schnell!!!!!

UND WENN DU IN DIE STADT GEHST, BRINGST DU GEFÄLLIGST BRÖTCHEN FÜR DIE FRAU MIT, HAST DUUUUUU DAAAAS VERSTANDEN? …… !!!!

Wer mich kennt weiß, welche Wirkung Verbote und Anweisungen dieser Art auf mich haben…. wer mich nicht kennt, stellt mir so ein Teil einfach mal vor die Nase.

Ich erwische mich dabei, wie ich morgens um halb sieben elegant unter der Schranke hindurch schlüpfe. Unterm Arm habe ich das schmutzige Geschirr aller Wohnmobile auf dem Platz und starte in DEM Waschbecken eine ausführliche Schaumparty. Als ich endlich fertig bin, lasse ich die Tür fröhlich im Wind klappern und klettere noch schnell auf die „Wallanlagen“ rund um den „Reisemobilhafen“ – das ist nämlich ebenso verboten, wie den Müll nicht zu trennen.

Befriedigt und ohne Brötchen kehre ich zu Walter und der gesetzestreuen Platzbesetzerin zurück.

Wir packen unsere sieben Sachen und verschwinden hier, bevor mir der Platzwart noch den absurden Befehl gibt, vor der eigenen Tür zu kehren.

Die Sonne scheint so doll sie kann und wir folgen ihr zum Strand. Genauer gesagt: auf den Strand. Hier kann man nämlich nicht nur an den Strand fahren, sondern auf den Strand. Sogar mit Walter.

Für einen kurzen Augenblick hat Soni wieder diesen Schweden-Moment, als wir mitten im Wald zurück gerutscht statt wieder hochgefahren sind. Aber sie ist ganz tapfer. Als Walter im weichen Mullersand ein wenig rutscht und schlidddert, freue ich mich wie der kleine Junge am Rodel-Berg. Soni zuckt eher zusammen wie Muddi, die unten auf den Jungen wartet. Aber nur ganz kurz und sie lässt es sich fast nicht anmerken.

Es ist sensationell: über den Schlick fahren wir bis zur Hochwasserkante und parken quer zum Wasser. Das ist allerdings gerade auf dem Rückzug und etwa 800 Meter weit weg. Egal, es ist ein Traumstellplatz an einem Traumstrand bei Traumwetter! Ach ja – der Platzwart war auch schon hier. „Übernachten verboten“ steht auf über-lebensgroßen Schildern. Was soll’s, wollten wir eh nicht. Wer will schon am Strand …. auf dem Strand, direkt am Wasser? Ach neee – wir jedenfalls nicht.

Stattdessen toben wir mit Karl am Strand entlang, halten Mittagsschläfchen in der Sonne, trinken einen Aperol und lernen zwei Freundinnen aus dem Saarland kennen. Ich sag ja, „am Meer ist alles besser“.

Ich weiß nicht, war es zu viel Sonne, zu wenig Wein oder der frische Wind, der hier allenthalben weht. Auf jeden Fall sind wir voll die Spießer, fehlt nur noch der Kunstrasern vor dem Wohnmobil und der Tritt als Einstiegshilfe. Wir sind bald so weit. Denn tatsächlich rufen wir RECHTZEITIG beim Campingplatz an und RESERVIEREN uns einen Platz für die Nacht.

Wer sind Sie uns was haben Sie mit den Platzbesetzern gemacht???

Egal, ich will es gar nicht wissen. Falls wir irgendwann anfangen, unseren Urlaub 6 Monate im Voraus zu planen und zu buchen, kann vielleicht ja mal jemand zum Fieber messen kommen. Bis dahin geht es uns einfach blendend.

Apropos blenden: auch am nächsten Tag scheint die Sonne, als würde es nie wieder Sommer geben und Soni holt sich einen kleinen Brandy. Deshalb sitzt sie jetzt gerade, während ich das hier schreibe, mit einer kühlenden Aloe-ich-weiß-nicht-was-Maske mir gegenüber und ich darf nur innerlich grinsen. Vor allem aber darf ich niemandem davon erzählen. Mach ich ja auch nicht, versprochen. Aber sieht süß aus, irgendwie….

Heute gab es eine große Premiere. Wir sind wieder unterwegs, den endlosen Strand entlang und egal welchen anderen Hund Karl anspringt, anflirtet, bettelt oder anstupst – keiner will mit ihm spielen. Oder darf nicht, weil Herrchen/Frauchen irgendwie verspannt sind. Also muss der Alte über den Strand toben, laufen, sich anspringen lassen und wird in die Leine eingewickelt. Hahahaha – lustig! „Ein bisschen Bewegung tut (Dir) ja auch ganz gut, nicht wahr SCHATZ?!“

… hmm, wem wollte ich das mit der Maske alles nicht erzählen….?

Ich schweife ab. Jedenfalls treffen wir irgendwann auf Willi. Ein ebenso halbstarker, tobesüchtiger, kleiner Hund wie Karl, ebenso hübsch und mit ebenso ausgesprochen netten Herrchen und Frauchen, wie wir es sind …. ähm … räusper … also, was ich sagen wollte. Karl und Willi verstehen sich bombe, wir uns mit den beiden Angestellten von Willi auch.

Und dann wagen wir es (vor allem Soni): wir lassen Karl frei laufen. Ohne Zaun, ohne Leine. Einfach frei am Strand. Und es funktioniert. Er läuft sich die Birne frei, kommt zu uns zurück und alle haben einen riesigen Spaß. Sollte Karl am Ende doch noch ein normaler Hund werden? Wir werden sehen.

Im Kühlschrank haben wir heute Abend doch glatt noch drei Flaschen feinsten Riesling von „Moselmano“ gefunden. Es stimmt also wirklich: „watt is dat schön ann’e Mosel“ – zumindest soweit wir das einschätzen können. Prost denn auch!

PS: Cliffhanger. Am Dienstag geht es schon weiter, dann sind Walter und Björni nämlich das erste Mal allein unterwegs. Dienstlich. Ach herrje!   

fremde Stimmen

Plötzlich sind da fremde Stimmen im Haus mit dem blauen Zaun.

Das gefällt Karl natürlich gar nicht. Gerade hatte er sich zur Mittagsruhe abgelegt, da hört er die fremde Stimme an der Tür. Und Herrchen und Frauchen freuen sich auch noch! Frechheit! Da muss er doch erstmal ordentlich bellen. Sicher ist sicher.

Aber die fremde Stimme bleibt. Gut so! Denn die Platzbesetzer haben Besuch von dem liebsten Freund des Hauses und Hörer der ersten Stunde: Chrischan.

Erst gibt es ein zweites Frühstück, dann wird gearbeitet – und dann stellt Björni einfach das Mikro auf den Tisch.

Viel Spaß bei den wilden Geschichten mit Chrischan, dem Camper-Newbie.

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„wenn auf Capri die rote Sonne …“

Hätte ich es mal gelassen. Da handelt man(n) nur in allerbester Absicht und will Walter, der geliebten Platzbesetzerin und sich selbst eine kleine Freude machen – und dann das. Frechheit!

Als erstes kam eine WhatsApp: „sieht aus, als würdest Du Walter die Fresse polieren“. Hier bleibt aber auch nichts unentdeckt im Dorf.

Später dann – ich höre den süffisanten Unterton ganz genau – spitzt die (in dem Moment etwas weniger) geliebte Platzbesetzerin die Lippen: „Den Smart willst Du auch schon seit 3 Monaten waschen

Ok, ok, ich gebe es zu. ICH wollte das. Aber es musste sein. Walter war einfach dreckig. Da hing doch noch die Elchkacke am Kotflügel und überhaupt. Ich kann doch die neuen Aufkleber nicht auf eine schmuddelige Seitenwand kleben.

Also habe ich den Freitag Abend damit verbracht, Walter gründlich zu waschen und zu polieren. Von innen, von außen, von hinten und vorne. Das blieb scheinbar nicht unentdeckt. Jedenfalls ist er nun sauber. Sauber genug, um die neuen Aufkleber mit dem Logo dieser kleinen, illustren Website anzubringen, die auf den Namen www.die-platzbesetzer.de hört. Mühsam gehe ich mit Waschbenzin, Wasserwage und Fixierband zu Werke. Nach 2 Stunden ist es geschafft – gelb leuchtet das Logo nun auf allen Seiten. Und ich bin stolz wie Bolle.

„na zum Glück ist es schief geworden, sonst wäre es ja nicht von Dir“

Wieviel Jahre gibt es eigentlich auf „Frau versehentlich an der Raststätte vergessen“?

Aber so weit sind wir noch nicht – Glück für SIE. Vor die Abfahrt am nächsten Morgen hat der liebe Gott und meine Beifahrerin nämlich das Packen und einen Friseurtermin gesetzt.

Das Packen läuft wie die geschmierten Brote, die wir dabei haben. Hierin sind wir inzwischen echte Profis.

Pünktlich um 9:45 Uhr werfen wir den Anker auf Lüneburgs größtem Parkplatz. Ein verwirrendes Geflecht aus PKW-, Wohnmobil-, Motorrad- und Busparkflächen ist zwar umfangreich ausgeschildert, überfordert mich um diese Uhrzeit aber intellektuell. Ich beschließe, dass mir 23 EUR Gebühr für einen Wohnmobilstellplatz zu viel sind, immerhin wollen wir ja nicht die ganze Nacht, sondern nur knapp drei Stunden bleiben. Außerdem ist der Parkplatz für Busse gähnend leer und wir stehen direkt davor.  Mit seinen 7,20 m fühlt sich Walter bei den Bussen bestimmt auch ganz wohl. Also Motor aus, Karl den Kopf getätschelt und raus in die Stadt.

Wenn Walter schon so sauber glänzt, möchte die Dame des Hauses das auch. Und freut sich sehr auf den Friseurtermin. Ich nutze die Zeit ganz mediterran und trinke einen Kaffee in der Sonne mit meinem Großen. Schöner kann ein Samstag gar nicht beginnen. Eigentlich müsste ich mich auch mal wieder scheren lassen, hab aber keine Lust. Dafür fasziniert mich das Spiel der Trommler auf dem Marktplatz und das bunte Samstagstreiben viel zu sehr. Ich wippe neben dem Takt mit dem Kopf, blinzle in die Sonne und denke an – nichts. Es ist ein herrlicher Zustand, und ich habe nicht mal einen sitzen.

Ein paar Scherenschnitte und bewundernde Worte später sitzen wir wieder im Walter. Karl freut sich, dass wir wider Erwarten doch zurückgekommen sind, da entdecke ich einen kleinen, eingerollten Zettel am Scheibenwischer. Zack – 30 EUR für „Parken in einem Verkehrsbereich, der durch Zeichen 250 gesperrt war“. Ich wusste bisher nicht einmal, dass es 250 Verkehrszeichen gibt. Geschweige denn, dass ich eines davon hier gesehen habe. Egal, die Sonne scheint, unsere Laune ist bestens und immerhin haben wir die 23 EUR für den WoMo Stellplatz gespart…

Los geht die wilde Fahrt und falls ich es noch nicht erwähnt habe – mit neuen Stoßdämpfern fährt es sich wie auf Wolken! Herrlich!

Eigentlich, ja eigentlich wollten wir ja nie zweimal an genau den selben Ort fahren. Dafür ist die Welt viel zu groß, es gibt viel zu viel neues zu entdecken und außerdem sind wir ganz doll prinzipientreu.

Genau, und deshalb fahren wir wieder nach Scharbeutz. Zum Wohnmobilhafen. Wir geben uns nicht mal Mühe hier so zu tun, als könnten wir das irgendwie rechtfertigen. Wir fanden es einfach schön dort und waren mit Scharbeutz-Entdecken auch noch nicht fertig.

Also, Blinker gesetzt, abbiegen – und STOP.

Kein Liegeplatz mehr frei. ALLE PLÄTZE BELEGT steht in großen Lettern auf dem Schild vor der geschlossenen Schranke.

Wir glauben ja nicht alles, was geschrieben steht. Aus Prinzip nicht und wo kommen wir denn da hin?

Auf den REWE Parkplatz!

Denn es stimmte tatsächlich. Auch mit freundlich Nachfragen, perfektem Augenaufschlag und allen Überredungskünsten, die von Soni bei mir sofort funktionieren würden – es war tatsächlich kein Platz mehr frei.

Genau wie auf dem nächsten, übernächsten und überübernächsten WoMo-Stellplatz in Scharbeutz und Haffkrug.

Die nächste Möglichkeit, überhaupt einmal anzuhalten, war also der REWE-Parkplatz. Einziger Vorteil: es waren nur 200m bis zum Strand.

Die haben wir schimpfend und zeternd überwunden. Irgendwo im Sand muss noch heute eine Furche sein vom wütend aufstampfen.

Aber wie das immer so ist: „am Meer ist alles besser“

So auch unsere Stimmung. Hilft ja nix, dann stehen wir eben bei REWE.

Außerdem sind die Weinregale bei REWE gut sortiert und so finden wir uns mit einer Flasche bestem Weißwein am Strand wieder.  Karl tobt glücklich den Möwen hinterher, wir philosophieren über die Freiheiten des Camperlebens und haben kurz nach fünf gehörig einen sitzen.

Höchste Zeit, etwas Anständiges zu essen. Der kleine Italiener gleich gegenüber soll es sein.

„haben Sie reserviert?“

„…“

Kleine Italiener können großen Frauen nicht widerstehen. Glaube ich zumindest, denn irgendwie schafft es die gewiefte Platzbesetzerin, uns einen kleinen Tisch in der Ecke direkt neben der Dessert-Vitrine zu ergattern. Und jetzt weiß ich nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Zur großen, schönen Frau mir gegenüber oder zu Eiscreme, Tiramisu und Mandelkuchen links von mir.

Aber da ich weder einen noch dickeren Bauch, noch einen schiefen Hals bekommen möchte, entscheide ich mich schnell für die Platzbesetzerin mir gegenüber. Auch langfristig ist das sicher die bessere Entscheidung.

Kurzfristig entscheiden wir uns für Pizza, Pasta und Rotwein. Auch das ist eine sehr gute Entscheidung.

Vor allem deshalb, weil wir nun satt, zufrieden und immer noch angetüddert sind. Das ist ein hervorragender Zustand, um den nächsten eingerollten Zettel am Scheibenwischer zu entdecken. Noch während ich darüber nachdenke, ob wir Schild Nr. 260 vielleicht übersehen haben, fängt die Meinungsbesetzerin an, mit ihrer besten Freundin zu telefonieren. Laut und gackernd. Als Mann gibt es in diesem Fall zwei Möglichkeiten: 1) verpiss Dich irgendwohin und genieße die Ruhe oder 2) ertrage es mit Langmut.

Ich entscheide mich für Variante 2a und mische mich gelegentlich in das Gegackere ein. Eigentlich will ich die Freundin nur überreden, die betrunkene Parkplatzbesetzerin hier und jetzt abzuholen. Ist doch viel schöner als am Telefon… außerdem würde sich für mich dadurch automatisch Variante 1) ergeben. Aber irgendwas stimmt heute nicht, beide teilen meine Begeisterung für den Entführungsplan irgendwie nicht.

Also stehe ich da mit Walter, Karl und einer Verwarnung wegen Missachtung des Zeichens 314. Kostet übrigens einen Zehner. Wenn das so weiter geht und wir bei Zeichen 407 angekommen sind, lohnt es sich vielleicht, zur Nachprüfung zu gehen.

Bis es soweit ist, brauchen wir einen Platz für den Rest der Nacht. Der REWE Parkplatz ist es irgendwie nicht, wer weiß ob uns der hauseigene Sicherheitsdienst hier nicht in ein paar Stunden vom Platz fegt.

Ich starte Walter, Karl springt auf den Beifahrersitz und von der Rückbank wird munter weiter gegackert. Es fühlt sich an wie nach einer Teeny-Party auf dem Weg nach Hause. Papa fährt.

Und der fährt zum Strand. Da haben wir vor zwei Wochen schon mal einen Zettel bekommen, als wir falsch herum auf dem Seitenstreifen standen. Wenn wir uns jetzt richtig herum hinstellen, ist doch alles gut, oder?!

Ich weiß nicht, wer meiner Logik sonst noch folgen kann, jedenfalls habe ich freie Auswahl, alle Plätze auf dem Seitenstreifen sind leer. 10m bis zum Strand, Blick auf die Dünen und dahinter die Ostsee. Perfekt.

Ich entscheide mich für einen Platz neben der Freikirche und der Jugendherberge. Göttlicher Segen und jugendlicher Leichtsinn in friedlicher Koexistenz. Außerdem klemme ich das alte Knöllchen wieder hinter den Scheibenwischer. Falls hier nochmal jemand von Amts wegen vorbeikommt – alles schon erledigt, Kollege!

Inzwischen ist es dunkel und bannig kalt geworden. Beste Voraussetzungen für eine Premiere! Die geliebte Platzbesetzerin ist inzwischen fertig mit telefonieren und aus meinem Plan, sie abholen zu lassen, ist bekanntlich auch nichts geworden. Dann kann ich ja auch freundlich sein und für sie die Heizung starten. Premiere! Ich schalte, ich drehe …. und schon erklingt ein ruhiges, gleichmäßiges Rauschen. Ich mache den berühmten Handrückentest – den Handrücken dicht vor die Lüftungsklappe halten. Und tatsächlich: nach kürzester Zeit verbrenne ich mir fast die Pfoten und im Walter wird es muckelig warm. So warm, dass wir später nicht schlafen können. Aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Soni grinst zufrieden, Karl sucht sich den kältesten Platz im Haus und nach einem letzten Strandspaziergang mit spektakulären Lichtern am Horizont ist dieser Tag auch zu Ende.

Ein guter Sonntagsbraten braucht ja so 2-4 Stunden im Ofen. Dann ist er gut durch und trotzdem noch saftig. Nach knapp 7 Stunden im Ofe… ähm Walter waren auch wir gar. Aber alles andere als saftig. Alter Schwede, war das warm hier in der Bude. Alle Luken und Türen auf, tief Luft holen, dann ging es wieder.

Ausnahmsweise verzichte ich auf den ersten Kaffee und gehe mit Karl direkt zum Strand. Denn da bahnte sich etwas an: offensichtlich hat das Lübecker Bucht Marketing den für seine kitschigen Effekte berühmten Marketingleiter des Schweden-Tourismus, Sven Sören Rötebröd, engagiert.

Manch einer unserer lieben Leser erinnert sich: als wir in Schweden waren, sind wir auf all diese Elch-Fisch-Sonnenaufgangs-Marketing-Effekte reingefallen. Und jetzt schon wieder: der Himmel ist feuerrot gefärbt, abstrakte Wolkenformationen sorgen für die notwendige Dramatik und gerade als die glutrot triefende Sonne am Horizont aufsteigt, fährt ein rot-weißes-Fischerboot vorbei.

Und was soll ich sagen: es funktioniert.

Ganz vorne am Strand, fein säuberlich aufgereiht, stehen sie alle und sind auch drauf reingefallen: Touristen mit Handy in der Hand. Verliebte schauen sich eng umschlungen tief in die Augen und von Ferne weht diese eine Liedzeile herüber…. „wenn auf Capri die rote Sonne …“

Was willst Du als Mann da anderes machen, als deine Liebste herbeizuholen, sie fest in den Arm zu nehmen und ewige Liebe zu schwören!? Jawohl, wir können auch kitschig.

Plötzlich fängt eben jene Liebste an, hämisch zu lachen. Ich denke noch einmal kurz an die Autobahnraststätte, aber da sehe ich es auch:

 Eine junge, blonde Frau in weißem Sissi-Hochzeitskleid kommt auf einem viel zu schönen Pferd den Strand entlang geritten. Natürlich ist sie barfuß und auch einen Sattel für das Pferd fand sie entbehrlich. Mein Lieber Herr Rötebröd, jetzt hast Du es aber echt übertrieben! So viel Kitsch gibt es nicht mal bei Rosamunde Pilcher.

Aber in Scharbeutz.

Das schwarze Pferd, die schöne Frau und das wallende Kleid stellen sich als Set für ein Fotoshooting heraus. Statt romantisch ihrem Liebsten entgegen zu reiten, kämpft sie mit dem Pferd, welches nicht ins Wasser will. Dem Fotografen ruft sie zu, dass es kein Problem wäre, das Wasser ist gar nicht kalt. Ich habe es später getestet – sie hat gelogen.

Und statt romantisch dem ewigen Glück entgegenzureiten, muss die Einstellung 15mal wiederholt werden, bis der genervte Hengst sie fast abwirft.

Ob der Fotograf eigentlich die Fregatte der Bundeswehr gesehen hat, die im Hintergrund Manöver fährt?

Nach und nach füllt sich der Strand. Immer mehr Pferde, Hunde und Menschen kommen herbei. Inzwischen strahlt die Sonne hell am Himmel, die magic moments sind vorbei. Stattdessen mischen sich genervte Stimmen unter das Rauschen der Wellen. Hilde kann ihren Hund nicht von der Leine lassen, weil die ollen Pferde da sind. Jaqueline würde auf ihrem Pony gerne mal so richtig ausreiten, aber da sind zu viele Hunde im Weg. Und Johannes hat Angst, in Hunde- oder Pferdescheiße zu treten, die ganzen Viecher haben hier am Strand doch nichts verloren.

Bevor wir auch noch mahnende Worte an die Toleranz aller Beteiligten verlieren, gehen wir lieber frühstücken. Moment, da fällt mir ein. Wir stehen ja immer noch illegal auf dem Seitenstreifen. Ein kurzer Blick zum Scheibenwischer – check! Einsam und verlassen klemmt das alte Knöllchen. Diese Nacht ging auf’s Haus. Danke liebes Ordnungsamt!

Wir parken um, 2 EUR für eine Tageskarte finden wir angemessen und schlendern zurück zum Strand. Soni will Frühstück holen, Karl will mit den anderen Hunden spielen, Björni will nix. Außer seine Ruhe. Und die bekommt er. Geschlagene 40min stehe ich am Strand und warte. Zur selben Zeit, an anderem Ort – nämlich vor dem Bäcker – steht Soni in der Schlange und wartet. Aber es lohnt sich.

Klare Bäckereiempfehlung in Scharbeutz: Bäckerei Junge. Wirklich mit Abstand die besten belegten Brote, Brötchen und Kuchen, die wir je hatten.

Was will man(n) eigentlich mehr? Ein perfekt inszenierter Sonnenaufgang – Romantikkonto aufgefüllt. Belegte Brote mit Lachs, Schinken und Käse – satt für mindestens 3 Stunden. Ein kräftiger Kaffee und eine gut gelaunte Strandbesetzerin an der Hand….

…ach so, ja! Einen ruhigen Stellplatz für die nächste Nacht.

Vorsicht – manchmal gehen Wünsche ja auch in Erfüllung. Und so sind dort, wo am Abend vorher alles ausgebucht war, an diesem Morgen plötzlich 30 Plätze frei geworden.

Wir suchen uns den schönsten aus, bezahlen ausnahmsweise offiziell und vorher, werden dafür aber ausgesprochen herzlich begrüßt.

Es ist Sonntag, Mittagszeit und Kaiserwetter. Und was hätte der Kaiser gemacht? Genau! Lunch und einen Gespritzten.

Wir sind zwar nicht Kaiser, fühlen uns aber so. Deshalb gibt’s für jeden einen Aperol, ein Clubsandwich und ein wenig BeefTartar.

Am Tisch schräg gegenüber gibt’s stilles Wasser, einen Anschiss für die Kinder und Augenkrebs. Alter, wie kann eine ganze Familie rosa sein? Wirklich, alle! Und praktisch komplett. Ich wusste gar nicht, dass man sich bei Ralph Lauren vollständig in rosa einkleiden kann. O.k. bei ihr und der kleinen Tochter kann das ja mal passieren. Nicht schön, aber auch nicht selten.

Aber bei IHM? Jaja, „Männer können auch rosa tragen“. Nein, können sie nicht. Sieht einfach scheiße aus. Der Beweis saß drei Tische weiter, schlürfte stilles Wasser und motzt die Kinder an. Und sah scheiße aus.

Bevor wir uns hier in oberflächlichen Klischees verlieren…. nein, man! Ich will mich da jetzt reinsteigern. Die ganze Zeit musste ich dahin guck….

„Schatz, noch einen Aperol?“

„Ja, gerne“

Viele weitere Klischees konnten wir beobachten, zum Beispiel dass die meisten Hunde ihren Herrchen/Frauchen ähnlich sahen. Oder umgekehrt. Das soll ja so ein Naturgesetzt sein, dass sich Menschen und ihre Hunde ähnlich sehen. Stimmt auffallend, das haben wir beobachtet.

Aber warum eigentlich? Und wem von uns sieht Karl ähnlich? Ich finde, das sollten wir mal in einem der nächsten Podcasts erörtern.

Apropos später erledigen. Alles, was wir an diesem Tag noch erledigen wollten, haben wir auf später verschoben. Denn was gibt es Schöneres, als nach Aperol und Clubsandwich ein Nachmittagsschläfchen zu halten? Ich persönlich vertrete ja die These, dass das zu einem perfekten Sonntag dazugehört. Habe ich als Kind anders gesehen, aber jetzt…. unbedingt!

Als wir langsam wieder wach werden, steht die Sonne schon sehr tief. Jetzt aber schnell noch einmal an den Strand, immerhin haben wir gleich eine Verabredung.

Wir haben ihn heute Vormittag schon gesehen, Jumbo. Er steht ganz vorne und wir kennen ihn von Bildern. Jumbo ist natürlich ein Wohnmobil, immerhin sind wir hier im Wohnmobilhafen. Und Jumbo ist das neue zuhause von Michael und Claudia. Neues zuhause meint tatsächlich „zu Hause“, denn Michael und Claudia haben das getan, was auch mir gelegentlich im Kopf umhergeistert: sie haben Haus und Hof aufgegeben und wohnen seit 1 Woche komplett im Wohnmobil. Wir kennen uns von facebook – hier schreiben beide ihre Geschichten auf, genau wie wir.

Und wer hätte das gedacht: wer sein Leben so cool ändert, ist auch selbst ein cooler Typ. Es dauert keine 3 Minuten, da hat er mich schon bloßgestellt. Was weiß ich denn, was für eine Achse Walter hat, ob er das 260er oder 280er Modell ist. Walter ist Walter. Und mehr als 100 schafft er nicht. Der Rest steht irgendwo in den Papieren. Michael wundert und freut sich. Denn tatsächlich kennt er alle Details. Von Jumbo und jetzt auch von Walter.

Stolz berichten wir, von der Heizungspremiere. Wir plaudern über teure Wohnmobile, die sich nur Senioren oder Privatiers leisten können, die ideale Innenraumtemperatur und jammern darüber, dass alles immer teurer wird.

„Aber weißt Du was? Wir brauchen gar keine Kohle. Wir heizen mit Gas“

Michael, Ende Oktober kommen wir wieder. Und dann gebe ich dafür einen aus!

Jetzt müssen wir ins Bett, morgen geht es früh los und wenn es läuft wie immer, haben wir ja 5 Stunden Fahrt vor uns… Gute Nacht Ihr Lieben!

Einmal alles, bitte

Das kannst Du Dir nicht ausdenken!

Da sind wir endlich mal wieder unterwegs – ein Kurztrip an die geliebte Ostsee – und es passiert…

…. nichts.

Ja, wirklich. Wir kommen pünktlich los, Walter schnurrt, wir bekommen den letzten Stellplatz und haben zwei wundervolle, halbe Tage am Meer.

Es gibt eigentlich nichts zu berichten, außer dass es einfach schön war.

Und nu?

Sitzen wir trotzdem vorm Mikrophon. Und was soll ich sagen? Selbst das funktioniert.

Also quatschen wir uns einfach mal quer durch den Gemüsegarten. Es ist alles dabei: kleine, banale Alltagsgeschichten, Martin Rütter, Zelten in der DDR, Frühstück am Meer und philosophische Betrachtungen über Karl.

Dann fällt Soni ein, dass wir ja noch erzählen wollten, wie alles begann. Machen wir auch.

Und weil heute Feiertag ist, hast Du ja auch Zeit, uns zuzuhören. Oder?!

Oder hier direkt bei Spotify hören.

Apropos Feiertag: hätte es den 3.Oktober nicht gegeben, wäre ich jetzt nicht hier.

Sondern wegen „widerständischem Verhalten“ im Knast. Glaubt jedenfalls Soni.

Grummelbär und Zimtzicke

„Du benimmst Dich, als hättest Du Deine Tage“

„Du zickst rum wie eine alte Jungfer“

Nichts davon entspricht den Tatsachen – aber ja, wir sind genervt und gehen uns gerade gegenseitig auf den Sack.

Besonders Karlchen hat dieses Verhalten perfektioniert – der hibbelt rum und nervt wie ein Teeny mit Hormoneinschuss. Das wiederrum entspricht absolut den Tatsachen.

Und Walter? Walter ist stumm. Er steht so rum, die Vorderhufe sind ihm lahm und vor lauter Langeweile hat er die Batterie leergezogen.

Was ist denn hier los im Camper Paradies?

Gar nichts – das ist es ja!

Gute, uns wohlgesonnene Freunde würden jetzt sagen „stellt Euch mal nicht so an, ist doch gar nichts passiert“

Stimmt! Aber wir steigern uns bekanntlich ja gerne mal in Situationen rein, die uns nicht passen.

Eigentlich ist alles wie immer um diese Zeit: wir haben im Job außerordentlich viel zu tun und somit keine Zeit für irgendwas. Wir vernachlässigen Freunde, das Haus mit dem blauen Zaun und uns selbst. Diese Phase geht üblicherweise 6-8 Wochen, kommt jedes Jahr wieder und dann ist es auch wieder gut.

Aber zwei Dinge sind anders: Walter das Wohnmobil und dieser launige Blog. Und beide haben ja irgendwie miteinander zu tun.

Viel lieber als am Schreibtisch wären wir jetzt mit Walter unterwegs. Am liebsten in der Sonne, denn davon hatten wir definitiv zu wenig in diesem Jahr.

Aber bekanntlich hängt ja alles mit allem zusammen. Und deshalb hängen wir am Schreibtisch – denn Walter braucht ja auch Futter. Und er braucht neue Vorderhufe, bevor er längere Strecken in die Sonne wieder schafft. Und um die austauschen zu lassen …. Seht Ihr, da war er wieder, der Kreislauf.

Und wenn Walter steht und wir sitzen, fehlt dem Blog das Futter.

Da kann man doch schon mal prämenstruell werden, findet Ihr nicht?

Wir haben versucht, ein wenig Abhilfe zu schaffen – wenigstens für den Blog und unsere treuen Leser und Hörer. Als der Mitschnitt des Zeitungsinterviews nicht geklappt hat, wollten wir gleich am nächsten Tag eine Podcast-Folge mit den „vergessenen“ Antworten aufnehmen.

Wollten wir – denn wie immer hat es 5 Tage gedauert, bis wir es denn auch geschafft haben. Gestern saßen wir also bei bester Laune und Rum vor dem Mikro und haben Euch alles erzählt, was der Zeitungsmensch weggelassen hatte.

Wir fanden, es waren launige und kurzweilige 20min voller Geschichten, die Euch bestimmt vom Hocker reißen würden.

Wenn Ihr sie denn hören könntet. Denn diesmal hat zwar die Aufnahme geklappt, aber beim Hochladen wurden wir um Geduld gebeten. Um Geduld. Um Geduld.

HAHAHAHAHA – wir und Geduld!

Nach 12,5 Std. habe ich den Vorgang heute Morgen abgebrochen. Für meine Verhältnisse war das mehr als genug Geduld. Irgendetwas hatte sich da im System verschluckt und ließ sich auch nicht mehr freihusten.

Beim dritten Kaffee und der zweiten Zigarette haben wir dann beschlossen:

„iss so, hilft ja nix.“

Und deshalb fahren wir heute Nachmittag an die Ostsee. Alle Mann: Walter, der pubertierende Hund, die Zimtzicke und der Grummelbär.

Und es wäre doch gelacht, wenn es von dort nichts zu berichten gäbe.

Wird schon schief gehen!

„Bin ich jetzt in Färnseehn?“

Soni ist aufgeregt.

„Was ziehe ich denn nur an?“

„Und was sagt man da so?“

„Ach ich weiß nicht, ob das wirklich so eine gute Idee war“

Die beste Freundin wird konsultiert, es wird ein laaaaanges Telefonat.

„So ein Foto verzeiht ja auch nix, also pass auf“ ist der konstruktive Rat.

Ich stehe daneben und grinse. Das ist ein bisschen unfair, ich weiß. Aber sie ist so niedlich dabei.

Dabei muss ich zugeben, dass auch ich mich sehr gefreut habe, als der Redakteur der örtlichen Tageszeitung bei mir anrief. Diesmal wollte er nicht über Verspätungen, Zugausfälle oder angebliche Freifahrtwochen sprechen – nein, er wollte mich, wollte uns, privat interviewen. Weil wir die Platzbesetzer sind und darüber schreiben und sprechen.

Soviel Aufmerksamkeit für unseren kleinen Blog freut uns dann ja doch.

Als es an der Tür klopft, hat Soni sich schon wieder beruhigt. Karl nicht. Er tut, wofür er bezahl… ähm gefüttert wird: er bellt, passt auf und flüchtet vor dem fremden Mann unters Sofa. Alles wie immer, gut so.

Wir setzen uns dorthin, wo sonst die Podcasts entstehen. Den obligatorischen Rum möchte unser Gast nicht, er müsse noch fahren. Wir denken kurz darüber nach, aber es ist ja erst Nachmittag und so bleibt die Flasche nur Dekoration fürs Foto.

ABER: wir dürfen das Mikrophon aufstellen und unser Interview als Podcast aufnehmen. Alles wie immer also, gut so.

Gegen Lampenfieber bei einem Interview hilft ein wenig Vorbereitung. Also habe ich der geliebten Platzbesetzerin ein paar Fragen und Themen aufgeschrieben, die uns der Redakteur wahrscheinlich stellen wird. Sie sagt, sie hat nichts vorbereitet, konnte sich aber gedanklich sortieren. Vorher.

Beim Interview ist von der Sortierung natürlich nichts mehr übrig. Wir plappern drauf los, springen von Anekdote zu Anekdote und lachen uns tot. Jetzt ein Rum wäre geil – ach nee, der Nachmittag.

Nach einer Stunde ist noch längst nicht alles gesagt – aber sein Notizblock ist voll. So ein Mist. Und dann sagt er noch, er hätte ja auch längst alles, was er bräuchte. Man eh, wir sind doch gerade erst warmgelaufen.

Zum Abkühlen geht’s nach draußen zu Walter. Ein schnelles Foto und schon muss er los, unser rasender Reporter.

Wir bleiben zurück und mir fällt etwas auf. Da habe ich vor zwei Tagen doch so schön unser Platzbesetzer-Logo ausgedruckt und „zufällig“ an die Wand gehängt. Ganz so, als wäre es in einem kreativen Moment da hängen geblieben.

Das gibt einen tollen Hintergrund fürs Foto“ habe ich Schlaumeier mir so gedacht.

Ja, stimmt. Wenn man das Interview und Foto denn auch dort macht, wo das Logo hängt. Und nicht nebenan beim Rum.

Wie auch immer, wir sind freudig erregt und wollen schnell noch den Podcast sichern, bevor wir uns einen einschenken. Immerhin ist es jetzt schon fast Abend.

Ich lade die Aufnahme hoch und drücke routinemäßig „play“ um noch einmal reinzuhören.

….

Ah ja, Moment. Den Lautsprecher anschalten.

….

Hmm

….

„Soni, kannst Du den Podcast mal auf Deinem Rechner abspielen?

….

Ich brauche jetzt einen doppelten Rum. Da ist nix, außer Stille. Nichts, gar nichts wurde aufgenommen. Da ich niemandem sonst die Schuld rüberschieben kann, ärgere ich mich still vor mich hin. Hilft ja nix.

Naja, heute nun war der große Tag, der Artikel ist erschienen. Wirklich schön und angenehm geschrieben. Es fehlt nur die Hälfte. Oder so. Er hat tatsächlich nur das geschrieben, was ihn interessiert hat. Unser ganzes restliches Geplapper hat er weggelassen. Oder der Notizblock war schon viel länger voll.

Die beste Freundin bekommt ihn natürlich als erstes zu lesen.

„Wow – Ihr seht ja richtig gut aus.“

Mal sehen, ob sie den Artikel tatsächlich auch noch liest.

Wir jedenfalls nehmen morgen eine neue Folge auf – und erzählen Euch darin, was wir dachten, was den Redakteur sonst noch so brennend interessiert hätte, könnte, wollte…

Das Wohnmobil muss weg – und dann gibt es Rouladen

Was machen wir eigentlich, wenn wir mal nicht unterwegs sind?

Fernweh haben und das Wohnmobil umparken.

Und dann sitzen wir zu Hause, beobachten, staunen und genießen die Aussicht. Eine Geschichte aus dem stationären Leben in einem kleinen Dorf in Niedersachsen.


Neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.