Zeitreise

Ja, ich weiß. Ich bin Euch noch den dritten Teil unserer Weihnachtsreise in den Harz schuldig.

Aber wer mich kennt, weiß, dass ich ab und zu auch mal den vierten vor dem dritten Schritt mache. Oder so. Und wer mich bisher nicht kannte, weiß es jetzt. Es ist also so, dass wir schon wieder losgefahren sind, bevor ich überhaupt dazu gekommen bin, den Harz gebührend abzuschließen. Kommt aber noch. Bestimmt.

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 „Schneeketten günstig abzugeben“ – unsere Weihnachtsgeschichte im Harz

Habt Ihr gute Vorsätze für den neuen Monat und das neue Jahr? Ach wie schön – wir nämlich auch nicht. Aber wir hatten Lust, Walter gar nicht erst kalt werden zu lassen und direkt am ersten Wochenende wieder loszufahren. Wenn man längere Zeit nicht unterwegs war, denkt man immer „ach, wir könnten ja mal wieder“, kann sich dann aber nicht aufraffen und lässt tausend Dinge wichtiger erscheinen. Wenn Du aber erstmal wieder „in Fahrt“ bist, fährst Du auch direkt wieder los. So geht es uns jedenfalls.

Dementsprechend flutschte es auch beim Packen. Die geliebte Hausbesetzerin stellt mir zwei große Wäschekörbe hin, bevor sie sirenengleich säuselt und zur Arbeit entschwindet. Björni packt das schon. Stimmt, der hat nämlich einen halben Tag frei und widmet sich routiniert dem Packtheater.

Wir hatten uns mal vorgenommen, eine gewissen Grundausstattung Klamotten und Zeugs im Walter zu belassen:  nur noch die Zahnbürste greifen und jederzeit abfahrbereit. Aber wie das so ist mit den guten Vorsätzen. Neben der Zahnbürste fehlte dann doch noch die ein oder andere Kleinigkeit. Wie gesagt, die eine Hälfte davon passte in zwei Wäschekörbe, die andere Hälfte trage ich einzeln in unsere kleine Nussschale.

Karlchen schaut mir aus dem Küchenfenster zu und ich entdecke eine tiefe Sorgenfalte auf seiner Stirn. Der hat doch schon wieder Angst, dass er nicht mitdarf.

Kaum bin ich fertig mit packen und lasse aus Versehen die Tür offen, schießt er wieder der Blitz aus dem Haus und in den Walter und nimmt erwartungsvoll auf dem Beifahrersitz Platz.

Ah ja, wird wohl Zeit. Abfahrt!

Wir schaukeln durch dichten Stadt- und Feierabendverkehr mit dem Ziel, Soni rechtzeitig abzuholen. Karlchen sitzt wie Krösus neben mir, nur wenn es ein Fahrradfahrer wagt, sich an der Ampel neben uns zu stellen, verzieht er sich vor lauter Angst kurz unter den Tisch.

Große Freude auf beiden Seiten, als wir ankommen. Karlchen zeigt Soni, wie man würdevoll neben dem Chauffeur sitzt (dabei kann sie das längst) und rückt sogar ein ganz klein bisschen zur Seite, damit sie auch sitzen kann. Halbwegs jedenfalls.

Wir haben Hunger. Also entscheiden wir uns für Ratzeburg als erste Station, auch wenn dies eigentlich erst für Sonntag auf dem ReiseSpeiseplan stand. Aber Ratzeburg ist nicht weit weg, groß genug um uns Abends noch satt zu kriegen und ganz hübsch soll es ja auch sein.

Ist es tatsächlich! Die Anfahrt zwischen den Seen mit einer immer noch weihnachtlich beleuchteten Stadt im Hintergrund ist ganz bezaubernd. Zielsicher finden wir einen Parkplatz direkt am Ufer, neben dem örtlichen „Hallenbad“. Ja, das heißt hier wirklich noch so.

Insgeheim suchst Du als Camper ja immer nach einer Option, angenehm extern duschen zu gehen. Kannst Du im Wohnmobil natürlich auch machen, ist aber eng, das Wasser tröpfelt und um das Grauwasser muss sich der Kerl später dann ja auch wieder kümmern. Also sind externe Duschen meistens herzlich willkommen. Nach einer alten Camperregel muss dies nicht viel öfter als alle drei Tage sein, aber solange sind wir ja noch nicht dabei.

Warum erzähle ich diesen indiskreten Quatsch? Ach ja, Hallenbad. Bei einer Zigarette im dunklen Schummerlicht des Hallenbadparkplatzes suche ich nach den Öffnungszeiten und der Sauna. Sauna ist nämlich großartig und ganz nebenbei könnte man dann auch …. Sauna gibt es nicht, heißt ja auch „Hallenbad“. Öffnungszeiten: 14:00 – 19:00, Freitags bis 21:00. Samstag und Mittwoch geschlossen – wegen Vereinstraining. Hmm, bis 14:00 wollten wir morgen nicht hier bleiben und außerdem ist dann Samstag. Soll ich dem örtlichen Schwimmverein….? Nein, drei Tage sind drei Tage und fangen erst morgen an.

Mit Karlchen geht es noch eine große Runde um den See. Dabei treffen wir auf einen jungen Mann mit seinem Sohn und einer lebhaften Hündin, die mit Karlchen spielen möchte. Er hat aber genauso viel Angst vor dem Mann und dem Kind, wie er ebenfalls spielen möchte.  Blödes Dilemma für ihn, lustiges Leine-Verknoten für uns.

Wer so tapfer den zweiten Tag in Folge seine 10.000 Schritte geschafft und den „Ring geschlossen“ hat, darf auch gut essen. Also marschieren wir weitere 2.000 Schritte hinauf in die Stadt, welche tatsächlich ganz niedlich ist – zumindest im Dunkeln. Vorher hatte ich uns online eine Empfehlung für ein alteingesessenes, örtliches Restaurant rausgesucht, welches regionale Spezialitäten und insbesondere Fisch aus dem Ratzeburger See anbietet. Darauf hatten wir jetzt richtig Lust!

Auf dem kleinen Marktplatz können wir uns schnell orientieren und finden es prompt. Allerdings stehen wir vor dunklen Scheiben, einer mit Brettern verrammelten Tür und einem Haus, welches seine besten Zeit längst hinter sich hat. Wie ich später lesen werde, war die Empfehlung mehr als vier Jahre alt – und das Restaurant mindestens genauso lange schon geschlossen.

Da stehen wir nun, haben Hunger und Appetit und drehen uns um die eigene Achse auf der Suche nach einer Leuchtreklame, die Linderung verspricht. Am anderen Ende des Marktes werden wir fündig und gehen frohen Mutes ins „Lavastein“.

Ich mach es kurz: drinnen war es viel zu warm, viel zu laut und das Essen war scheußlich. Ich hatte gehofft, durch etwas Süßes zum Dessert noch irgendetwas retten zu können. Aber vergeblich. Ich wusste nicht, dass Zimtpflaumen mit Vanilleeis und Sahne so widerlich sein können. Soni hat ihren NewYorkCheeseCake gar nicht erst bekommen, weil dieser bereits vergoren war.

Da hilft nur Alkohol. Aber eine lustige Bar oder ähnliches finden wir nicht – egal wie oft wir uns auf dem Absatz umdrehen. Wie gut, dass wir den Rum nicht jedes Mal ein- und auspacken. Den haben wir nämlich immer im Walter.

Am nächsten Morgen begrüßt uns Ratzeburg in regnerischem Einheitsgrau. Schade eigentlich, aber wenn hier alles grün und sonnig ist, ist es bestimmt ein traumhaftes Plätzchen. Naja, bis dahin sind es noch 4 Monate und ganz so lange haben wir keine Zeit.

Was hilft, ist ein gutes Frühstück. Es ist früh am Morgen, die Vereinsschwimmer schwimmen, wir schlemmen. Es geht zurück in die Stadt, diesmal nehmen wir einen anderen Weg und entdecken einen etwas in die Jahre gekommen Charme einer kleinen Kreisstadt. Aber wie gesagt, es ist auch grau und verregnet.

Zurück am Marktplatz finden wir zwei Bäcker. Die Auslage des örtlichen Handwerksmeisters ist ähnlich ambitioniert wie Karlchen heute morgen. Bei dem anderen muss ich mich heute aus persönlichen Gründen weigern. Trotzdem gehe ich bei beiden „recherchieren“, allerdings ohne hilfreiches Ergebnis. Nix neues und nix inspirierendes dabei.

Und schon wieder sucht das Hungerradar, da erinnere ich mich an eine kleine Tortenmanufaktur, welche ich gestern Abend in einer Seitenstraße entdeckt habe. Torte zum Frühstück geht immer.

Mit ein paar schnellen Schritten sind wir da und es leuchtet warm und verführerisch von innen. Voller Euphorie hole ich mir eine Beule an der Glasscheibe. Die Tür ist verschlossen und öffnet sich erst um 10:00 – wer lesen kann ist klar im Vorteil.

Wir nutzen die Zeit für ausgiebiges Window-Shopping. Soni im örtlichen „MC – ModeCentrum“, ich bei einer zweiten Runde in den beiden traurigen Bäckereien.

Um nicht aufdringlich zu wirken, stehen wir um 10:10 vor der warmen Tür und diesmal lässt sie sich tatsächlich auch öffnen.

Ich bleibe gleich begeistert vor der Torten-Theke stehen, Soni entdeckt ein liebevoll angerichtetes Frühstücksbuffet. Hier können wir gerne bleiben, bis alles wieder grün ist und die Sonne scheint.

Machen wir auch. Es gibt alles, was wir uns gerade wünschen können, der Kaffee ist gut und nachdem wir das halbe Buffet allein leergefressen haben, lasse ich mir von der freundlichen Bäckerin die Tortenauslage erklären.

Stolz erzählt sie uns, dass sie alles selbst backt, was wir beim Frühstück durch die offene Backstube schon beobachten konnten. Die meisten Torten und Kuchen sind armenische Spezialitäten und sehen umwerfend aus. Auch wenn ich gleich platze, ich muss ein kleines Schnittchen probieren. Ich liebe es, ein ganz besonderer, bisher selten kennengelernter Genuss.

Und da sind noch so viele andere Torten, die ich unbedingt probieren möchte – nein muss. Aber inzwischen geht es nicht mehr um Kalorien, Tortenbauchansatz oder Zuckerschock. Es geht ums Überleben: ich platze gleich.

Also muss ich etwas mitnehmen. Unter dem lästerhaften Blick der Platzbesetzerin lasse ich mir die schönsten Stücke einpacken. Wer weiß, was es heute oder morgen noch so zu essen gibt.

Dringende Empfehlung, wenn Ihr in Ratzeburg seid: „Anna’s Sweet Cakes“ direkt am Markt, Große Wallstrasse 4

Zurück bei Walter gibt’s eine kleine „Mittagspause“ und dann passiert etwas ganz Ungeheuerliches: die Sonne scheint und es fühlt sich fast wie Frühling an. Das können wir gut gebrauchen, denn wir wollen weiter nach Zarrentin und an den Schaalsee. Und das nicht ganz ohne Grund: kurz hinter Zarrentin steht die altehrwürdige „Schaalmühle“, eine Wassermühle, die durch die unter dem Haus durchfließende Schaale angetrieben wurde. Und der Müller dieser Mühle war mein Opa.

Ich erinnere mich leider nur noch vage, so oft war ich als Kind leider nicht dort – die Schaalmühle und auch Zarrentin waren Grenzgebiet und man durfte nur mit besonderem Passierschein überhaupt dorthin.

Das hat sich inzwischen zum Glück geändert und auf Anhieb finden wir die Abfahrt. Und sofort ist alles wieder da und ich erinnere mich an das Gefühl, wenn wir früher mit dem Lada abgebogen sind: die enge Abfahrt, der schmale, holperige Weg, die knorrigen alten Bäume. Überraschenderweise passt es mit dem dicken Walter trotzdem.

Das letzte Stück gehen wir zu Fuß, Karlchen munter vorweg. Und wieder ist es wie früher: das alte Wehr, welches die Schaale aufstaut, bevor sie unter dem Mühlenhaus hindurchfließt. Die schwere Tür und selbst Opas Schuppen steht noch da. Der Schuppen war früher Werkstatt und Garage – mein persönliches Paradies aus Chaos, Werkzeug und mir unerklärlichen Gerätschaften. Ich sehe meinen Opa wieder vor mir, wie er mit seinen zwei Gehstöcken mühsam hinüberwackelt, um irgendetwas zu reparieren oder zu holen.

Die altehrwürdige Schaalmühle ragt hoch in den Frühlingshimmel, trotz Sonnenschein etwas morbide und bedrohlich. Viel hat sich seit damals nicht verändert, selbst das alte Schild am Seiteneingang zur Mühle hängt noch verwittert an seinem Platz.

Ich habe keine Lust, mich beim „neuen“ Besitzer zu melden, auch wenn ich für mein Leben gerne wüsste, wie es drinnen jetzt aussieht. Aber Opas Sessel steht ganz bestimmt nicht mehr auf den klobigen Dielen und die blau-weiß gekachelte Küche, in der Oma Blutwurst und fette Henne gebraten hat, wird es auch nicht mehr geben. Die fetzenhaften Erinnerungen an kleine und große Details sind für heute viel schöner.

Deshalb gehen wir außen herum und weil die Bäume und Büsche gerade keine Blätter tragen, können wir einen Blick auf die Obstwiese und die Rückseite erhaschen. Ich sehe den alten Aalfang, den ich damals so gruselig fand. Dahinter die Wiese, auf der unzählige alte Obstbäume standen und zum Teil heute noch stehen. Am Rand der Wiese fließt die Schaale wieder vorbei – hier habe ich Barsche geangelt und bin bestimmt mehr als einmal ins Wasser gerutscht, weil ich so ungeduldig war. Fast kann ich meine Oma aus der Küche schimpfen hören, dass ich endlich mit dem Quatsch aufhören soll.

Irgendwann komme ich bestimmt nochmal vorbei und frage die jetzigen Bewohner nach einem kleinen Blick ins Innere. Vielleicht, irgendwann.

Wir machen noch einen kleinen Spaziergang unter den alten Eichen, Karl spielt kurz mit dem Nachbarshund und bekommt von dem Erinnerungsflash seines Herrchens natürlich nichts mit. Soni ist ganz fasziniert, irgendwann aber auch gelangweilt von den Erzählungen des alten Mannes und somit fahren wir weiter – an den Schaalsee.

Am Schaalsee hat Soni einen Reisewunsch: schon so lange möchte sie geräucherten Saibling probieren. Und der aus dem Schaalsee ist wirklich der beste!

Auch der Fischer ist schnell gefunden und jedes Mal freue ich mich, was für ein schöner, idyllischer Platz es hier ist. Man hat freien Blick über den See, der Wanderweg ist eingerahmt von alten Weiden und alles sieht aus wie im Katalog eines Naturschutzgebietes. Ach ja, ist es ja auch. Deshalb.

Wir haben Glück, der Fischer ist da und hat sogar geöffnet. Nur Räucherfisch hat er nicht, den gibt es erst im März wieder. So ein Ärger. Mit frischem Fisch brauche ich Soni nicht kommen, aber mich juckt es in den Fingern. Spontan ändere ich den Speiseplan für Sonntag und hole zwei frische Saiblinge. Und frisch heißt hier wirklich frisch, also ….. o.k., ich erspare Euch Details, auch Soni ist schon mal vorgegangen.

Zarrentin selbst kenne ich tatsächlich kaum, ich glaube ich war noch nie bewusst in der „Stadt“. Grenzgebiet und so.

Aber es ist schön. Alles ist geschmackvoll hergerichtet und niedlich anzuschauen. An einer Ecke finden wir ganz überraschend einen Laden von „Backverrückt“ – eigentlich so eine hippe Bäckerei aus Hamburg und Hannover. Was machen die denn hier in Zarrentin? Egal, ein Tee wäre jetzt schön und den bekommen wir auch.

Letzte Station in Zarrentin: das Kloster. Im Sommer gibt es hier regelmäßig wunderschöne Märkte, wir müssen also wieder kommen. Aber es lohnt sich auch so. Eine wirklich beeindruckende Kirche mit Blick über den See und einem kleinen, putzigen „Heimatmuseum“ gleich nebenan.

Wir hatten kurz überlegt, in Zarrentin am See stehen zu bleiben. Neben dem Schwimmbad gibt es einen Stellplatz. Aber Schwimmbad Hallenbad hatten wir ja schon und irgendwie zieht es uns weiter.

„Wenn wir schon auf den Spuren Deiner Vergangenheit unterwegs sind, lass uns doch nach Schwerin fahren“ kombiniert Soni messerscharf. „Außerdem können wir dort Abends bestimmt mal wieder etwas leckeres Essen“ und rollt mit den Augen in Erinnerung an das Abendessen im Lavastein.

Gesagt, getan. Den Weg nach Schwerin kenne ich sogar noch aus dem Kopf.

Walter schaukelt, Karl schläft und Soni döst. Als ich in Schwerin überraschend rechts abbiege und auf einen wenig ansprechenden Komplex mit alten und neuen, hässlichen Zweckbauten, einem riesigen Parkplatz und ohne jeden Charme fahre, werden alle wach.

Ich halte vor einer putzgrauen Turnhalle mit angeschlossener Lehranstalt.

„Und hier hat Dein Mann sein Abitur gemacht“

„Ahja“

„ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Trabi immer genau hier geparkt habe, wenn ich denn mal da war“

„hihi“

O.k., ich gebe ja zu, dass Zeitreisen in die Vergangenheit nur für denjenigen eine Bedeutung haben, der diese Vergangenheit selbst erlebt hat. Und wie soll Soni die Bilder im Kopf haben, die bei mir gerade vorbeifliegen?

„hattest Du zu der Zeit diese komische Frisur und diese hässliche, rote Hose an?“

Ich hasse sie – manchmal hasse ich sie wirklich.

Wir fahren weiter und zur Strafe plappere ich sie an jeder Ecke voll, was ich hier und dort gemacht habe und was damals so war.

Schwerin überrascht uns: mit perfekt ausgebauten Stellplätzen direkt an der Altstadt mit Blick auf den See, das Schloss und den Marstall. Und mit einem mehr als perfekten Abendessen.

Nach einer ausgedehnten Nachmittagspause und einem Karlchen-gerechten Spaziergang am See entdecken wir die „GourmetFabrik“. Man muss auch mal Glück haben und wir bekommen noch einen Tisch.

Perfekter Service, perfektes Essen, perfekter Abend. Anders kann ich es nicht zusammenfassen. Eine wirklich ausgezeichnete Küche mit klassischer Basis und kreativen Interpretationen. Wir sind lange nicht in so vielfältige Geschmackswelten entführt worden.

Und da ich gestern und heute schon genug süßes Zeug hatte, habe ich als Dessert einen neuen, ganz außergewöhnlichen Rum entdeckt.

Die Nacht ist ruhig und angenehm, der Morgen nass und verregnet. Perfekt für einen Instant-Kaffee und das gebunkerte Stück Torte, während die Platzbesetzerin sich ausschläft. Wenn wir unterwegs sind, liebe ich diesen löslichen Kaffee ja. Das ist für mich „typisch Walter“ und ich hoffe wir werden uns niemals irgendeine andere Kaffeezubereitung im Wohnmobil zulegen.

Der Kaffeeduft weckt die schläfrige Prinzessin, die ihrerseits den Hund aktiviert. Vorbei ist es mit meiner morgendlichen Ruhe. Und wenn wir schon mal hier sind, können wir auch noch den letzten Teil meiner jugendlichen Prägephase besuchen.

Wir schaukeln quer durch die Stadt und stellen dabei fest, wie ausgesprochen schön und liebenswert Schwerin inzwischen ist. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so. Aber heute sehen wir alt und neu in perfekter Ergänzung, liebevoll und großzügig angelegte Parkflächen, Funktion und Schönheit schließen sich bei vielen Anlagen in Schwerin überhaupt nicht aus. Alles ist wirklich durchdacht, sauber und in bestem Zustand. Fast schade, denn ich habe wirklich große Mühe ein paar Häuser zu finden, die noch aussehen „wie früher“, damit sich die von Schönheit verwöhnte Prinzessin vorstellen kann, wie das alles hier zu meiner Jugend mal aussah. Nicht ganz so fein nämlich.

Aber ich gebe zu – so gefällt es mir besser. Viel besser. Das trifft auch auf den Schlossgarten und den sich angrenzenden Franzosenweg zu, an dem wir parken. Hier fühlt es sich ebenfalls so an, als wäre Klein-Björni erst gestern mit seinem grün-roten Fahrrad zu Training gerast. Und doch ist es schon so lange her.

Wir gehen am See entlang und dachten, wir tun auch dem Hund einen Gefallen damit. Aber Pustekuchen: ein Fussballspiel in 200m Entfernung, Fahrradfahrer, Kinder und überhaupt. Das ist heute so gar nicht seine Veranstaltung. Uns egal, da muss er jetzt durch.

Genau wie ich vor 40 Jahren da durch musste, in schlecht sitzendem Ölzeug und nassen Hosen den gebrüllten Anweisungen meines Trainers Folge zu leisten. Dafür kann Karlchen heute nichts mehr, aber wir sind an „meinem“ Segelverein angekommen. Hier hat sich wirklich viel verändert. Das alte, große Bootshaus gibt es nicht mehr, dafür eine doppelt so große Steganlage. Hier wirkt plötzlich alles irgendwie steril. Naja, ich verkneife es mir, der geliebten Prinzessin zu viele alte Geschichten von diesem denkwürdigen Ort zu erzählen, von allem hat er mich aber am meisten geprägt. Nur als wir weiter gehen muss ich erwähnen, dass ich auf dieser Strecke 1x pro Woche 2.000m laufen musste.

Übrigens, es regnet immer mehr und mein romantisches Finale habe ich mir etwas anders vorgestellt. Egal, ich schleife Frau und Hund zu dem romantischsten Ort in ganz Schwerin, an dem sich bestimmt schon tausende Jugendliche zum heimlichen Knutschen getroffen haben. Aus dem Trampelpfad meiner Jugend ist inzwischen ein hübscher Holzsteg geworden, das heißt ganz so einsam und versteckt ist es heute bestimmt nicht mehr. Aber immer noch schön. Und als Soni mich fragt, ob und wie oft ich denn früher hier war, finde ich Schweigen und Knutschen die beste aller Antworten.

Karlchen müffelt wie ein nasser Hund, was er ja auch ist. Und auch für uns ist Tag drei angebrochen…. und um hier nicht unnötig Regeln zu brechen oder andere Menschen zu belästigen, müssten wir mal wieder duschen.

Wir beschließen, dass die Dusche zu Hause am schönsten ist und rufen „Abfahrt“ über den See. Bis bald Schwerin, wir kommen wieder. Das nächste Mal als ganz normale Touristen ohne diese Zeitreise-Erinnerungs-Romantik. Schön wars trotzdem.

Autor: Björn Tiedemann (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

Ein Gedanke zu „Zeitreise“

  1. Herrlich! Ich werde unbedingt Teil 1 + 2 nachholen, oder ist es besser erst Teil 2 und danach Teil 1 zu lesen? Ich bin noch unschlüssig.
    Leider ist meine Reise mit Womo noch ein Traum, aber er ist realisierbar.
    Und Schwerin schaue ich mir dieses Jahr auch an. Ist es doch inzwischen zu meiner Landeshauptstadt geworden.
    Herzlichen Dank für euren kurzweiligen Reisebericht mit den interessanten Tipps.
    Ich wünsche euch allzeit gute Fahrt und freue mich auf weitere Erzählungen!

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