Das Wohnmobil muss weg – und dann gibt es Rouladen

Was machen wir eigentlich, wenn wir mal nicht unterwegs sind?

Fernweh haben und das Wohnmobil umparken.

Und dann sitzen wir zu Hause, beobachten, staunen und genießen die Aussicht. Eine Geschichte aus dem stationären Leben in einem kleinen Dorf in Niedersachsen.


Neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.

Walter muss weg

Gespräche hinterm Gartenzaun:
„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“
„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht“

Uns stört es übrigens auch. Statt auf dem Parkplatz hätten wir Walter jetzt viel lieber auf einem schönen Stellplatz stehen. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause und Walter steht vor der Tür.
Deshalb erzählen wir heute, wie alles begann und welche Stellplätze wir mit Walter bisher schon gesehen haben – oder auch nicht.

Inkl. Anfängerfehler und heißer Tipps für alle Womo-Anfänger wie wir es sind.

Viel Spaß!

Oder bei Spotify hören

PS: diese Folge ist Nick gewidmet. Und hier ist der versprochene Link: https://www.youtube.com/c/VANtertainment

die Stationen:

  • Schönberger Strand
  • Langballigau
  • entlang der Elbe zum Reihersee
  • (Schweden)
  • Oldenburg
  • Travemünde

„HalliHallo“

(19.08.2021)

„das kann doch nicht wahr sein, wie stellen Sie sich das jetzt vor?“

„….“

„ICH muss gar nichts, SIE müssen das klären, und zwar JETZT“

„…“ „…“

„Nein, werde ich nicht. Das mag für Sie eine Lappalie sein, für meine Frau und mich ist es das nicht. Entweder Sie schicken jetzt einen Monteur ….“

„….“

„Ulrike, wir fahren zurück. Ja, jetzt und sofort“

Schade, ich bin einen kleinen Moment zu spät wach geworden. So weiß ich jetzt nicht, was das Problem ist. Ich bin ja grundsätzlich nicht neugierig. Aber ich wüsste jetzt schon gerne, warum der blau-weiß-klein-karierte Herr von nebenan diesen schönen Stellplatz so früh am Morgen und so plötzlich verlässt.  Gerne hätte ich ihn noch gefragt, ob ich heute die Jungfernfahrt mit der roten Vespa machen darf. Aber bei der Laune – nee, da frag ich jetzt nicht. Er spricht so schnell und aufgeregt in sein (dunkelrotes) Telefon, dass ich gar nicht alles verstehen kann. Ich muss mir ja auch noch einen Kaffee machen. Dabei habe ich die Tür vom Walter vorsichtshalber offengelassen – der frischen Luft wegen.

Zumindest habe ich es so verstanden, dass er jetzt zurück auf die Fähre und nach Deutschland fährt, statt mit Ulrike und den nagelneuen, weinroten Fahrzeugen nach Schweden in den Urlaub.

Schade für Ulrike, den Menschen am anderen Ende des Telefons und für mich. Die Frage „warum“ wird mich jetzt stundenlang beschäftigen.

Während ich versuche, mich auf mein Buch, die Sonne und die Ostsee zu konzentrieren, vertrödeln wir den Vormittag. Warum auch nicht, wir haben ja Zeit. Die Fähre geht erst am frühen Abend – zumindest unsere – und wir sind so langsam im Urlaubsmodus angekommen.

Am späten Mittag schaukeln wir los. Ich würde gern noch einmal in die Ostsee springen, also fahren wir über Umwege zu einem Strand an der Westküste Lollands. Der Umweg besteht aus einer kleinen Stadt mit See, in den ich eigentlich springen wollte. Der See ist schön – aber man kommt nicht ran. Es gibt tatsächlich keinen badefähigen Zugang, außer in einer Marina. Und dort sind Wohnmobile verboten.

Also erleben wir die raue Küste der Ostsee, denn inzwischen ist es windig und kühl. Der „Strand“ besteht aus groben Kieselsteinen, sehr viel angeschwemmtem Seegras und jeder Menge Algen im Wasser. Ich springe trotzdem hinein, geplant ist geplant. Als ich zurückkomme, weicht Karl nicht mehr von meiner Seite. Er liebt den Geruc… Gestank nach altem Seegras, vergammeltem Fisch und toten Krebsen am Strand. Schön, wenn sich hier wenigstens einer freut.

Ich freu mich, dass Walters Systeme so schön „clean up“ sind und ich unbeschwert duschen kann.

Im Grunde wäre die Dusche nicht notwendig gewesen, denn als wir viel zu früh in Rödbyhavn ankommen, wo unsere Fähre abfährt, schaudert es uns. Wir haben selten einen trostloseren, schmutzigeren und verwahrlosteren Ort gesehen. Aber was müssen wir auch im Ort rumlungern? Alle anderen fahren doch auch direkt zur Fähre?!

Naja, wir haben halt Zeit. Keine Ahnung, wie es passieren konnte, aber wir sind pünktlich, SEHR pünktlich. So finden wir uns in einem kleinen Ort wieder und sind uns nicht ganz sicher, ob hier vielleicht gerade ein schmieriger Western oder billiger Porno gedreht wird. An den Fassaden blättert die Farbe großflächig ab, einige Fenster und Türen sind vernagelt, in den Hausecken drücken sich finstere Gestalten rum.

Irgendwo plärrt ein Radio, aus dem offenen Fenster weht die vergilbte Gardine und am Ende der Straße flackert irgendwo eine Leuchtreklame. Fehlt nur noch, dass trockene Grasbüschel über die Straße wehen, dann wäre die Kulisse perfekt.

Wir sind mutig und gehen die Straße hinunter zur Leuchtreklame. Wenn schon Dänemark, dann auch HotDog. Ich habe zwar immer noch ein ausgewachsenes HotDog Trauma und bekomme allein beim Anblick Würgereiz, aber das ist eine andere Geschichte. Dänemark = HotDog, so will es das Gesetz.

Irgendwann ist es endlich so weit, Zeit für die Fähre. Diesmal sind wir Nr. 2 in der sich hinter uns aufbauenden Schlange. Der Fahrer des Vans vor uns hat es schlau gemacht: er liegt auf dem Fahrersitz und pennt.

Inzwischen ist es windig, sehr windig. Das verspricht eine unruhige Überfahrt zu werden und so verspreche ich, mich währenddessen nicht nach hinten zu verziehen und zu schlafen, sondern der geliebten Angstbesetzerin die Hand zu halten.

Gut so, denn so konnte ich erleben, wie auf der Fähre reihum die Alarmanlagen angesprungen sind. Die meisten Menschen verlassen auf der Fähre nämlich ihr Auto, Van oder Wohnmobil und folgen dem Ruf des Duty free. Wird ja zum Glück auf oft genug angesagt über die plärrigen Lautsprecher. Und wenn es dann ordentlich schaukelt, melden sich die Alarmanlagen. PiepPiepPiep hier, UhiUhiUhi dort und von hinten ein sattes DäähmDääähmDäähm. Herrlich, schon wieder fast wie im Film.

Unausgeschlafen, aber kurzweilig, erreichen wir unser Zwischenziel Puttgarden, irgendwie freuen wir uns jetzt auch auf zu Hause.

Offensichtlich geht es nicht allen so, zumindest sieht in unsere Vorstellung einer freudigen Begrüßung anders aus. Kaum sind wir von der Fähre runter und steuern auf die Autobahn zu, begrüßt uns eine schwarze Wand. Aus ihrem Inneren spuckt diese Wand Blitze quer über den Horizont, selbst Walter zuckt von dem nachfolgenden Donnergroll zusammen und es dauert nicht lange, da werden die Schleusen geöffnet. Das ist mal wieder kein Regen, das ist eine Sintflut. Herrlich, bloß keine Abwechslung aufkommen lassen. Alles wie immer. Mit einer sanften Abendsonne könnte ich jetzt auch gar nicht umgehen.

Und so kommt es, wie es kommen soll. Aus den geplanten 3,5 Std. Rückfahrt werden mal wieder 5. Es dauert immer 5 Stunden, immer.

Als wir auf den Hof rollen, trauen wir unseren Augen nicht: der Vorgarten sieht aus wie geleckt. Ja, o.k., ich habe ihn in den letzten Wochen vernachlässigt und so. Aber das hier – das hätte ich selbst mit größter Mühe nicht geschafft.  Da ist kein Halm zu viel, die Gräser sind gebürstet und der Boden exakt in eine Richtung geharkt. Der Aschenbecher vor DER Bank ist geleert und ausgewaschen, selbst die Pflastersteine sehen aus wie gebürstet und gestriegelt. Es ist toll, solche lieben Heinzelmännchen und -Frauen in der Familie zu haben!

5 Std. Fahrt ohne Nickerchen machen sich dann doch bemerkbar. Wir beschließen, das Ausräumen von Walter auf morgen – oder übermorgen – zu verschieben. Außerdem ist es längst dunkel. Rotwein haben wir auch noch da, also stehen wir erschöpft in der Küche. Vorsichtig tasten wir uns ins Esszimmer, ins Büro …. und schnell wieder zurück. Irgendwie fühlt es sich komisch an, plötzlich soviel Platz zu haben. Wir schieben uns in der Küche aneinander vorbei und schaffen es nicht, mehr als die 15 qm zu nutzen, auf denen wir gerade stehen. In die obere Etage wage ich mich erst morgen vor, das weiß ich jetzt schon.

„Halli Hallo“

Viel Zeit haben wir nicht, um uns komisch zu fühlen. Genau 7 Minuten, nachdem wir angekommen sind, hören wir den unverwechselbaren Ruf von I.

Ihr Ruf ist einzigartig und unverwechselbar. Es gibt ihn in mehreren Tonlagen und Lautstärken. Dieser Ruf gerade bedeutet „ich hab Euer Wohnmobil gesehen, ENDLICH seid Ihr wieder da, lass uns Wein trinken, wie geht’s Euch, wie war die Fahrt, erzähl doch mal, hier ist soviel passiert….“

Und so sitzen wir mit den liebsten Freunden bis tief in die Nacht, plaudern, freuen uns, werden auf den neusten Stand beim Dorftratsch gebracht und fallen irgendwann tot in ein viel zu großes Bett.

Am nächsten Morgen erwische ich mich dabei, wie ich eine Münze in die Dusche werfen möchte. Ich überweise der geliebten Hausbesetzerin spontan 100Kr, weil der Stellplatz hier wirklich schön ist. Und irgendwie schaffen wir es nicht, im „normalen“ Leben anzukommen. Alles ist irgendwie zu groß, zu komfortabel und allzu bekannt.

Wenn Du fast drei Wochen von einem Chaos ins nächste fährst, kann die Normalität ganz schön anstrengend sein.

Wie alles begann. „Runter vom Sofa“

(21.06.2021)
„Hilde, ist die 102 noch frei?“

Ich hätte ja nicht gedacht, dass mich eine kurze Frage in norddeutschem Kodderton noch so nervös machen kann. Genau so fühlte es sich als 5 jähriger an, wenn ich wissen wollte, wieviel Kugeln Eis ich darf. Damals hing gefühlt mein Leben davon ab, mich nicht zwischen Vanille, Schoko und Erdbeere entscheiden zu müssen.

Ich habe mich sehr daran gewöhnt, dass ich inzwischen derjenige bin, der diese Frage beantworten darf. Und die kleine Prinzessin sollte ihren Großeltern sehr dankbar sein, dass ich sie damals manchmal echt doof fand. Denn bei zwei Kugeln fehlt immer eine. Immer.

Deshalb gibt es heute also grundsätzlich drei Kugeln. Auch wenn sie Erdbeereis gar nicht mag.

Aber nun, ich schweife ab. Denn erstens kann ich mir mein Eis inzwischen selbst kaufen und zweitens hat Hilde inzwischen sehr ausschweifend geantwortet.

„jo“.

Das wiederum fühlt sich an, als hätte Hilde mir gerade einen großen Schwedeneisbecher mit 6 Kugeln spendiert. Es braucht eben nicht vieler Worte, um Menschen glücklich zu machen.

Mit ihrem kurzen „jo“ macht Hilde nämlich den Weg frei, dass sich ein kleiner Traum erfüllt. Wir bekommen spontan einen Platz in der ersten Reihe. Fast direkt am Meer. Ohne Anmeldung, spontan und auf gut Glück.

Genau so hatten wir uns das tatsächlich vorgestellt, als wir Walter in unser kleines Rudel aufgenommen haben. Walter das Wohnmobil.

In so einem Rudel braucht ja jeder seine feste Aufgabe.

Karls Aufgabe ist es, niedlich zu sein. Das meistert er mit Bravour! O.k., aufpassen soll er auch. Kriegt er auch hin. Wir suchen schon nach neuen Aufgaben für ihn, aber so recht ist mir noch nichts eingefallen.

Die geliebte Hausbesetzerin hat sehr vielfältige Aufgaben, z.B. den Alten auf Trab halten. Dies und alles andere meistert auch Sie mit bemerkenswerter Perfektion.

Die kleine Prinzessin entwickelt sich immer mehr zu einer wahren Meisterin der Aufgabenvermeidung. Also ebenfalls check!

Ich bekomme die restlichen Aufgaben, die noch übrig sind. Es ist genau wie beim Essen – alle Reste auf den Tellern zu mir. Kann ich super, alles aufessen!

Und Walter? Walters Aufgabe ist es, uns überall hinzufahren und uns dort dann zu beherbergen.

Hinter dieser scheinbar klaren und einfachen Aufgabe steckt allerdings viel mehr – das weiß Walter aber nicht, glauben wir zumindest.

Denn Walter holt uns runter vom Sofa, im übertragenen Sinne.

Der ein oder andere hat es hier vielleicht schon bemerkt: in den letzten Monaten ist außer Pandemie nicht viel passiert. Die immer gleichen Leute gehen am blauen Zaun vorbei. Das Leben im Dorf ist unverändert schön, aber irgendwie auch vorhersehbar. Zumindest in letzter Zeit, ohne Ausnahmeerscheinungen wie Schützenfest, große Geburtstagsfeiern, Weinfest oder sonstige Aufreger. Jeder sitzt auf seinem Sofa und wartet mehr oder weniger ab, dass die Pandemie vorbei ist.

Natürlich gab es auch in dieser Zeit vor und hinter dem blauen Zaun die üblichen Aufreger. Die Säue, die durchs Dorf getrieben werden, laufen auch am blauen Zaun vorbei. Darüber werde ich auch noch berichten, wenn die Zeit reif ist. Versprochen.

Und trotzdem wollten wir unsere Komfortzone mal wieder verlassen. Raus in die Welt und andere Säu … ähm Geschichten erleben. Und da kommt Walter ins Spiel.

Wir wollen frischen Seewind um die Nase, andere Sprachen und Dialekte hören, Menschen kennenlernen, Einsamkeit aushalten, uns auf das Wesentliche reduzieren.

Und so tauschen wir nun gelegentlich 190qm geschichtsträchtige Mauern gegen 19qm ungewisse Sehnsucht.

Und diese Sehnsucht schauen wir uns zusammen mit Walter dann vom Sofa aus an. Denn runter vom Sofa heißt ja nicht, dass wir es nicht bequem mögen, so rein körperlich.

Dank Hilde sitzen wir nun also hoch im Norden wieder auf einem Sofa und freuen uns darüber, dass der Kanister Weißwein doch in den kleinen Kühlschrank passt. Und wenn wir den Hals recken, sehen wir das Meer. Das mit dem Hals recken sind wir ja gewohnt, anders sieht man zu Hause ja auch nicht, was die Nachbarn so treiben.

Hier interessiert es übrigens niemanden, was wir so treiben. Wohnmobilisten haben die angenehme Eigenschaft, jeden neuen Nachbarn freundlich zu grüßen und ab dem Moment wohlwollend neutral zu ignorieren. Das heißt nicht, dass wir niemanden kennenlernen. Ganz im Gegenteil. Aber es bleibt wertfrei, ob und was und wie ich bin.

Heute morgen, als es Hun…. und Katzen geregnet hat, hielt mir die Frau auf dem Nachbarstellplatz einen Regenschirm hin. „ich weiß ja nicht, ob ihr schon voll ausgestattet seid.“ Nein, sind wir natürlich noch nicht. Daher: vielen Dank!

Außer das Sofa natürlich. Das haben wir den schon erfahrenen Globetrottern voraus und ich bin mir sicher, das eine oder andere anerkennende Lächeln, welches wir damit hier geerntet haben, löst direkt eine Bestellung bei „Camping Wagner“ aus.

Nach dem Abendessen wird Vati hier üblicherweise zum Abwaschen geschickt. Mit der multifunktionalen Kunststoff-Silikon-Klappkiste trottet er zum Waschplatz, um die Spaghetti- oder Raviolireste seines Rudels von den Tellern zu spülen.

Wenigstens ein Klischee, welches wir (ich) nicht erfüllen.

Statt Klischees zu erfüllen oder zu spülen, wandern wir einen guten Kilometer am Strand entlang zu einer kleinen Holzhütte in nordisch anmutendem rot-weiß. Der selbstgebackene Kuchen hier soll ein absoluter Geheimtipp sein.

Ich kann gar nicht anders als diesen Wunsch so lange in verschiedenen Facetten zu äußern, bis die geliebte Hausbesetzerin endlich genervt aufgibt. Sie hat zwar immer noch keinen Appetit auf Kuchen, kommt aber mit.

Allein der Weg dorthin ist ein Traum! Ursprüngliche Ostseeküste mit tausenden Kieselsteinen in allen Formen, Größen und Farben. Dazu in den Wind geduckte Kiefern und ein fast kitschiger Blick auf die Küste Dänemarks. Der Maler dieses Arrangements hat nur vergessen, einen Leuchtturm auf die Landzunge zu setzen – ansonsten ist es perfekt.

Ebenso perfekt ist übrigens der Kuchen, ich kann mich nicht entscheiden zwischen Erdbeer-Frischkäse-Sahne oder Rhabarber – Baiser. Und da das Camper-Leben ja ohnehin schon so entbehrungsreich und karg ist, nehme ich einfach beide.

Meine zunehmende Wampe vergesse ich ganz schnell beim Ausblick auf die Weite der Ostsee. Wie sehr Wind, Wellen, Sonne und Weite den Kopf frei machen, brauche ich Euch gar nicht erzählen. Ich kann es nur empfehlen.

Ort:                       Langballig
Stellplatz:            Campingplatz Langballigau

Charakter:          klar, einfach, sehr gepflegt
                              absolut ruhig, ohne Schnick-Schnack
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                sehr gut
Kosten:                günstig
Lage:                    70m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              sehr schöner, kleiner Hafen, Mini-Markt, 3 Restaurants, Imbiss, Kiosk,
Eisdiele, Spielplatz und Outdoor-Fitness am Strand, bewachter Strand

Fahrrad:              unbedingt mitnehmen und nutzen

auf dem Platz:   Strom, Wasser, Ver- und Entsorgung, Sanitär

Empfehlung:       8 von 10 *