Younger than ever

„waren Sie schon mal bei uns?“ – „Ja – aber das ist Ewigkeiten her“

Am liebsten hätte ich Hilde umarmt, als wir endlich wieder bei Ihr sind. Aber sie hat uns nicht erkannt.

Wir sie dafür aber sofort. Die Dauerwelle sitzt perfekt – genau wie vor 5 Jahren. Und auch sonst hat sie sich gar nicht verändert – „younger than ever“ und immer noch frei von jedem Charme.

Was ich eigentlich erzählen will:

Die Platzbesetzer sind zurück.

Vor fast genau 5 Jahren kam Walter, das Wohnmobil in unser Leben. Und seit dem berichten „die Platzbesetzer“ von ihren Abenteuern.

Vor 3 Jahren hat Walter uns wieder verlassen – und wir haben ihn genau 1.107 Tage lang vermisst.

Jetzt sind wir wieder zurück im Camper-Game und mit uns fährt „Carlo, der Camper (Van)“

Natürlich sind auch wir „younger than ever“ und unsere erste Fahrt mit Carlo hat uns wieder nach Langballig geführt. Das war kein Zufall, sondern Absicht.

Ebenso Absicht war es, dass wir drei Jahre lang tapfer gewartet haben, bis wir zurück auf 12qm Camper-Glück gekommen sind.

In der Zwischenzeit ist viel passiert – aber das sind andere Geschichten…

Jedenfalls – Carlo der Camper ist jünger, schneller, kräftiger und etwas kleiner als Walter das Wohnmobil. Warum? Weil das besser zu uns passt.

Ich möchte nie wieder mit 40 km/h auf den Kasseler Bergen von hupenden LKWs überholt werden. Ich möchte in Italien auf jeden verdammten Weinberg kommen – bei Regen und 20% Steigung. Und ich möchte in Schweden in der Wildnis stehen und dort auch wieder wegkommen.

Das alles kann Carlo – und wahrscheinlich noch einiges mehr. Wir werden sehen.

Für’s erste waren wir aber ganz melancholisch und sind genau dorthin gefahren, wohin uns unsere erste Reise 2021 geführt hat: nach Langballig.

Hilde hat uns einen wunderbaren Platz zugewiesen, aber wir waren zu spät. Natürlich.

Hilde wollte uns deshalb einen Schlüssel für die Schranke verstecken – aber das Versteck war leer. Natürlich.

Und so stehen wir vor der Schranke und 15 ausgelassen fröhliche Camper-Kinder suchen mit uns um 22:30 nach einem Schlüssel. Als wir ihn nach 30min immer noch nicht gefunden haben, lässt uns einer der Kinder mit seinem (!) Schlüssel rein.

Später erfahren wir, dass Hilde 2 Schlüssel ins selbe Versteck gelegt hat – die anderen Spätankommer waren aber so gierig und haben beide mitgenommen.

Wie dem auch sei – wir stehen, haben Strom und können bei Mondschein an den Strand. Was will man(n) mehr? Einiges – aber auch das ist eine andere Geschichte.

Wir schlafen gut in unserem neuen Gefährt, sehr gut sogar. Und so kommt es, dass wir am nächsten Morgen fröhlich munter an den Strand wollen – alle, bis auf einen: Karl (der Hund) findet uns und die Gesamtsituation schei… aber so richtig. Er will nicht raus, er will nicht rein. Er will eigentlich nach Hause.

Wir nicht und so muss er halt. Am Strand findet er es dann doch ganz lustig und tobt sich ordentlich aus. Immer wieder schön zu sehen, dass Konsequenz sich lohnt. Das hätte ich bei meinen Kindern mal … ach, egal.

Apropos – wie ein kleiner Junge sammelt Björni Steine am Strand, einer schöner als der andere (findet er) und aus lauter Nostalgie nimmt er sie alle mit.

Der Tag beginnt also hoffnungsvoll und sonnig, doch da braut sich was zusammen: auf dem Weg zurück wird neben der Einfahrt zum Platz eine Bühne aufgebaut. WTF…? Oh, ja, ach – es ist Himmelfahrt. Als um 11:30 die ersten Bässe wummern, bestätigt sich unsere Vorahnung: direkt vor uns wird es eine „Vatertagsparty“ geben. Ich bin zwar auch Vater, aber offensichtlich nicht eingeladen. In der Zeit zwischen 11:30 und 19:00 kenne ich keinen einzigen Song, egal wie laut er auch gespielt wird. So jung bin ich dann wohl doch nicht mehr. Ab 19:00 bin ich dann wieder textsicher. Und genervt. Betrunkene Möchte-Gern-Väter tragen auch nicht dazu bei, unsere Stimmung zu heben. Wir stellen fest: wir sind zu alt (und zu spießig) für diesen Scheiß. Genau wie Hilde, die ist nämlich völlig empört.

Am nächsten Morgen beschließen wir, dass Nostalgie doch nichts für uns ist und fahren weiter. Außerdem erneuern wir unseren Vorsatz, niemals zwei Mal an denselben Platz zu fahren. Wohin das führen kann, sehen wir ja an Scharbeutz. Nachdem wir 8-mal beim WoMo-Hafen waren, haben wir neue Freunde, ein Haus und leben in Scharbeutz. Das darf uns nicht wieder passieren.

Fürs Erste stehen die Chancen gut – wir fahren nach Esbjerg in Dänemark, da waren wir noch nie.

Der Wind an der Nordsee zieht uns die Falten aus dem Gesicht und so sind auch wir endlich wieder „younger than ever“.

Diesmal sammelt Björni keine Steine, sondern Austern im Watt. Er sieht sich schon mit Champagner und frischen Austern vor dem Camper sitzen und das karge Campingleben genießen. Und tatsächlich bleibt das Camperleben karg. Weil von dem Verzehr wilder Austern aus der Nordsee dringend abgeraten wird, gibt es Brot und Würstchen zum Champagner.

Nach einem Stadtbummel entdecken wir noch Sepiaschulp am Strand, schauen den Wattläufern beim Laufen zu und sind einfach zufrieden. Einen toten Wal sehen wir auch nicht rumliegen – auch das macht uns zufrieden.

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Autor: Björn Tiedemann

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich.

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