geheimer Geheimtipp

(06.08.2021)

„oh Gott, ist etwas passiert?“

Ich schrecke hoch. Es ist verdächtig ruhig. Zu ruhig. Kein Pfeifen und keine Marschmusik vor dem Fenster, kein Regentrommeln auf dem Dach, selbst Karl liegt ruhig und friedlich in seinem Körbchen unter dem Tisch und leckt sich zufrieden …. die Pfoten. Das kann doch nicht sein. Wer hat in dieser Szene denn den Ton abgestellt und stattdessen einen viel zu großen Scheinwerfer direkt vor dem Fenster platziert?

Irritiert schleiche ich zur Tür, denke gerade noch rechtzeitig daran, mir etwas anzuziehen, bevor ich vermutlich in die nächste Katastrophe stolpere. So ist es doch immer: alles scheint ruhig und friedlich, nur ein scharfes Licht wirft lange Schatten, die Du leichtsinnig ignorierst. Du öffnest unbedarft die Tür.  Und zack – stehen die Schwiegereltern mit Kuchen davor. Oder die Nachbarn mit Weißwein. Oder so. Jedenfalls: man sollte immer misstrauisch sein, dazu aber unbedingt einen entschlossenen Eindruck machen.

Ich nehme also innerlich Haltung an und öffne die Tür. Und da passiert es: nichts.

Die allumfassende Ruhe ist schnell erklärt: es ist gerade 5:00 Uhr. Warum ich so ausgeschlafen bin? Keine Ahnung. Bisher war es Karl, der mich auf dieser illustren Reise zuverlässig viel zu früh geweckt hat. Mal durch aufgeregtes Tippeln vor der kleinen Stufe zum Bett, mal durch Ablecken meiner ausgestreckten Füße, meistens beides zusammen. Immerhin kann er mir hier nicht ins Ohr atmen. Aber das ist neu: ich werde wach, bevor er es ist.

Der Scheinwerfer draußen ist der größte, den die Regie auftreiben konnte – es scheint tatsächlich die Sonne.

Der Platz und alle Insassen schlafen noch. Zu unserer Rechten erhebt sich ein sanfter, sattgrüner Hügel. Nur ein paar rote und gelbe Zelte stehen darauf, eingehüllt in den gleißenden Schein der gerade aufgehenden Sonne.

Zur anderen Seite ein ähnliches Bild: eine satte Wiese, nur ein paar Wohnmobile glänzen weiß in der Sonne. Weit genug entfernt, dass ich nicht erkennen kann, was darin gerade vor sich geht. Schade eigentlich.

Rache ist süß: ich schleife den müden Karl aus seinem Körbchen und gehe eine kleine Runde über den Platz mit ihm. So still und von der Morgensonne ausgeleuchtet wirkt das „CampoDrom“ noch grotesker.

Wir hatten tatsächlich Glück: auf der anderen Seite des Platzes ist es brechend voll, Camper und Wohnwagen reihen sich dicht an dicht, Vorzelte und Markisen reichen sich hier schüchtern die Hände. Ob deren Bewohner es ebenso machen, weiß ich nicht. Die leeren Flaschen auf den Tischen und am Boden lassen eher eine intensiv besiegelte Brüderschaft vermuten.

Ich koche mir einen Kaffee, sitze in der Sonne, freue mich auf den geheimen Top-Stellplatz, den wir heute finden werden und schreibe ein wenig. Eigentlich ist es perfekt – wenn man(n) seinen Kopf mal für ne Weile ausschalten könnte.

Es ist doch so: wir sind mit einer ganz klaren Vorstellung losgefahren. Total romantisch übrigens, diese Vorstellung. Nämlich genau so, wie Du Schweden in allen Foren, Gruppen, Reiseführern und Erzählungen präsentiert bekommst: einsame Seen, strahlender Sonnenschein, nordischer Charme und unendliche Ruhe. Den ganzen Tag gehst Du angeln, fängst die größten Fische, Elche sagen Dir guten Morgen und Deine Crew überlässt Dir freiwillig das schönste Steak vom Grill.

Letzteres ist übrigens tatsächlich so. Bei Karl nicht ganz freiwillig, aber nun. Irgendwas ist ja immer.

Die Realität weicht leider geringfügig von diesem perfekten Plan ab. Es regnet und stürmt seit Tagen, die Mannschaft ist hungrig und genervt und Du stolperst von einer Planabweichung in die nächste. Das ist auch irgendwie lustig, muss aber auch erstmal in meinem Kopf ankommen.

Dass wir mit Walter das erste Mal auf großer Tour sind, überhaupt das erste Mal länger zusammen unterwegs, das erste Mal in Schweden und das erste Mal mit ganz klaren Vorstellungen (oder sollte ich Erwartungen sagen?) reisen, werde ich erst später begreifen. Jedenfalls könnte ich mit diesen ganzen „ersten Malen“ ein halbes Jahr Dr. Sommer in der Bravo vertreten. Und „das erste Mal tut noch weh“ ist mir bisher auch nicht wieder eingefallen – es gab einfach zu lange keine Schlagerpartys mehr.

Auch dass in Schweden, Deutschland, Holland und Norwegen gerade Ferien sind, wir irgendwie noch immer mitten in einer Pandemie stecken und Flugreisen somit gerade uncool sind – Wohnmobile dafür um so cooler – haben wir mit unserer rosa-blauen-Wunschbrille bisher nicht gesehen. Kommt aber noch, nur später.

Im hier und jetzt sitze ich vor Walter auf einer Wiese in der Sonne und träume von …. „na, home office? Hahaha. Klapp dat Schläpptop zu und mach ma Urlaub, so wie icke!“

Ich schaue hoch und blicke auf einen Bauch. Einen dicken Bauch, mit vielen schwarzen, borstigen Haaren darauf. „Meinen Rasierer bekommst Du nicht“ schießt es mir durch den Kopf, als ich weiter hoch schaue und erkenne, wie wichtig diese spontane Eingebung war. Vor mir steht DAS Klischee eines Campingplatz-Campers. Runder Kopf mit einem fein ausgedünnten Hubschauber-Landeplatz darauf. Direkt darunter eine knubbelige, dicke Nase, ein stolzes Mehrfachkinn und dann beginnt auch schon die Teppichfliese, welche sich über die Schultern, den Rücken und eben jenen sehr präsenten Bauch erstreckt.

Um den Hals hat er sich locker das rot-grün-weiße Handtuch gelegt, welches ihm Mutti vor 32 Jahren als Aussteuer mitgegeben hat.

„Guten Morgen. Sobald die Mannschaft hier wach ist, geht es los mit dem Urlaub. Ich schreib nur noch schnell ein wenig. Du bist aber auch schon früh unterwegs – im Urlaub…“ versuche ich mich ungelenk in Smalltalk.

„ick musste pinkeln, dat Bier muss ja auch wieder raus, wa?! Wann seid Ihr denn angekommen? Hab Euch noch gar nicht gesehen hier.“

„Gestern Abend, heute geht es weiter Richtung Norden.“

„Watt wollt Ihr denn da? Hier iss es doch och schön. Ick mag Schweden, komm schon seit 6 Jahren hier her off den Platz. Naja, schönen Tach noch“ und schlappt weg, die weißen Tennissocken leuchten in der Sonne und den dunkelblauen Aldiletten.

Drei Stunden, eine ausgiebige Luxusdusche, eine Waschmaschinenladung inkl. Trockner und vollständige Ver- und Entsorgung später fahren wir los. Unverändert scheint die Sonne, die Stimmung ist gelöst und hoffnungsvoll.

Das Navi sagt 1,5 Std. Fahrt bis zu unserem Ziel. Das freundliche Pärchen aus dem Bushäuschen bei Regen hat uns einen Stellplatz empfohlen, auf dem sie selbst drei Tage gestanden haben. Allein, direkt am Ufer eines traumhaften Sees, Geheimtipp.

Walter schnurrt, die Straßen sind befestigt und wir haben sogar in Ruhe gefrühstückt.

Der Weg führt uns durch das Schweden, welches wir im Kopf haben: überall Bullerbü, rotweiße einsame Häuser am Waldrand (oder mittendrin). Wir philosophieren darüber, warum hier praktisch alle Häuser die selbe Farbe haben. Mein erster Tipp: früher war das Walblut, und das haben die einfach beibehalten. Doch bevor meiner geliebten Reiseleitung noch übel wird, habe ich eine zweite Theorie. Irgendwas mit Steinen. Steine gibt es hier ja genug, vielleicht haben die Schweden damit irgendetwas gemacht und rote Farbe ist übrig geblieben.

Tante google gibt mir (fast) Recht. Die typische, rote Farbe ist ein Abfallprodukt der Kupfergewinnung, welche in Schweden wohl recht intensiv betrieben wurde.

Wir fahren durch ein Naturschutzgebiet, durch Wälder, vorbei an größeren und kleineren Seen und können uns gar nicht satt sehen an dieser Bilderbuchidylle aus Natur, Landschaft und Minidörfern.

Pünktlich wie die Eisenbahn kommen wir an einen wirklich traumhaften See, ganz anders als alle anderen Seen bisher – das Wasser ist nämlich türkisblau. Hier gibt es am Ufer immer wieder ein paar Buchten, in den man herrlich stehen kann.

Könnte – wenn sie denn frei wären. Der Geheimtipp scheint nicht ganz so geheim zu sein, alles, wirklich alles ist voll. Wir passieren mehr als eine handvoll traumhafter Stellplätz – als wären sie direkt aus unserer Vorstellung erschaffen worden. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen mit einer solchen kitschig-romantischen Vorstellung. Keine Chance. Nicht mal in zweiter Reihe. Alles belegt und als uns ein Altcamper-Paar frech angrinst und eine mehr als unfreundlich-ausladende Handbewegung macht, reicht es uns für heute.

Die Stimmung zieht sich ebenso zu wie der Himmel über uns. Sehe ich da erste Tropfen? Auf der Windschutzscheibe? Oder hinter meiner Sonnenbrille?

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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