Pleiten, Pech und Perfektion

Das dumme an Erwartungen ist ja, dass man(n) sie hat. Das zweite dumme daran ist, dass jeder so seine ganz eigenen hat. In dieser Hinsicht könnte man unsere kleine Reisegruppe als ausgesprochen differenziert bezeichnen.

Ganz so philosophisch fühlt es sich gerade nicht an, wir haben die letzten Tage einfach mal als „chaotisch“ zusammengefasst. Warum sollte es in Schweden auch anders sein als zuhause? Der blaue Zaun fährt mit – vor allem im Kopf.

Aber der Reihe nach. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Wasser. Es regnet die ganze Nacht in dem kleinen Fischerdörfchen, aber das stört uns nicht. Ob es am Wein lag oder daran, dass wir schon nass waren, weiß ich nicht mehr.

Der nächste Morgen präsentiert sich jedenfalls kitschig-schön. Ach übrigens: auch das können die Schweden, Kitsch. Mit ihren perfekten Sonnenauf- und untergängen sollten sie Postkarten verkaufen. Ach so, Mist. Postkarten schreibt ja heute kaum noch jemand. Jedenfalls nervt es kolossal, wenn Du dich so richtig schön reingesteigert hast, alles doof und ungerecht finden willst – und dann kommt da so ein perfekter Sonnenaufgang daher. Ekelhaft. Du musst es einfach schön finden. Und vergisst ganz nebenbei, dass du dich eigentlich ärgern wolltest.

Der Sonnenaufgang macht Hoffnung, mir jedenfalls. Noch schnell das ein oder andere erledigen, ein perfektes Räucherfisch-Frühstück und dann fahren wir rechtzeitig los zu einem traumhaften Stellplatz, allein am See mit Sonnenschein, Weltfrieden und freier Liebe. Hat das in den 68ern damals eigentlich geklappt? Ich bin mir nicht sicher. Bei uns wird es so sein, ganz sicher.

Als ich mich auf den Weg zum Fischer mache, um das perfekte Frühstück zu organisieren, werde ich gebeten ein paar 10er Kronenmünzen zu tauschen, für die Waschmaschine. Der erste Knick im Universum – aber das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist selbst mir völlig klar, dass wir die Handtücher, die wir gestern zum Hochwasserschutz eingesetzt haben, waschen und trocknen müssen, bevor es weiter geht. Passt ja auch alles. Es ist noch früh am Morgen und während wir in Räucherfisch schwelgen, läuft ganz nebenbei die Maschine. In spätestens zwei Stunden können wir los.

Der Fisch ist perfekt – nur die Waschmaschine ist besetzt. Na gut, ein wenig Verzögerung gibt’s ja immer. Irgendwann gegen Mittag sind die Handtücher gewaschen. Das Universum meint es gut mit uns – es gibt auch einen Trockner. „dann könnten wir doch auch die T-Shirts noch schnell …“

Ja klar, kein Problem. Der rausgesuchte, perfekte Stellplatz am See ist ja nicht so weit weg. Und so ein kleines, niedliches Fischerdorf ….

…. wird ab Mittag brechend voll. Auch in Schweden sind Ferien und das hier ist offensichtlich ein beliebtes HotSpot. Ich mag es, wenn alle 2min ein Auto vor mir einparkt und gut gelaunte Familien – sprich lärmende Kinder und erziehungsbemühte, ebenso laute Eltern – ausspuckt.

Was ich an der geliebten Hausbesetzerin, neben vielen anderen Eigenschaften, so bewundere, ist ihr Timing. 5 Minuten vor dem prognostizierten Ende der Trocknerlaufzeit geht sie los, um die fertige Wäsche zu holen. Und dann können wir auch schon los.

Ich mache Walter derweil reisefertig. Ich hätte in der Zeit das ganze Haus mit dem blauen Zaun renovieren können, solange bleibt die geliebte Hausbesetzerin fort.

Irgendwann kommt sie zurück und jetzt sehe ich sie, schon von weitem: die Delle im Universum:

„ich brauche mal Deine Hilfe, da ist kein Strom“ sagt das Universum fast flehend.

Ich mag es ja, der Problemlöser zu sein. Ich mag aber auch perfekte Stellplätze am See.

Naja, erst das eine, dann (vielleicht) das andere. Der Trockner ist tot, die Wäsche nass. Zwei Maschinen Handtücher und T-Shirts. Schön sauber, aber klatschnass. Irgendwann finden wir den Knopf der Erlösung, welcher den Überhitzungsschutz wieder aufhebt und sich an der kochend heißen Rückwand des alten Trockners befindet. Und der möchte alle 10min gedrückt werden. Aber das finden wir erst zwei Stunden später raus. Zunächst gehen wir davon aus, dass ab jetzt alles läuft. Inkl. Trockner.

Zwei Stunden später: nach einem Besuch im völlig überfüllten, örtlichen Café, einem lauschigen Moment in der Sonne zusammen mit hunderten aufgeregten Kindern ist alles wie vorher: die Wäsche halb nass, wir spät dran und genervt.

„wir machen das jetzt so: die T-Shirts hänge ich auf Bügel, die Handtücher nehmen wir so und später trocknen wir einfach alles in der Sonne“. Ich mag pragmatische Ansätze, ich mag meine Mannschaft und mit einem Wohnmobil als Wäschekammer komme ich klar.

Mit einer minimalen Verzögerung von 5 Stunden fahren wir los. Ich freue mich schon auf den perfekten Schweden-Moment: ein einsamer See, Ruhe und einen selbst gefangenen Riesenfisch auf dem Grill. Selbst auf den obligatorischen Sonnenuntergang an eben jenem See kann ich mich schon wieder freuen.

Walter schnurrt, Karlchen schläft und das Navi sagt, in 3 km rechts abbiegen.

Meistens folge ich ja brav, wenn eine Frauenstimme mir sagt, was ich tun soll. So auch diesmal. Walter stolpert kurz, denn von der Autobahn geht es direkt á mente auf eine Schotterpiste quer durch den Wald. Kein Grund zur Sorge, Walter ist ganz anderes gewohnt und Schotterpisten gehören in Schweden zum normalen Straßennetz. Wir fahren durch einen traumhaften Wald, ich genieße den Anblick und klatsche mich selbst innerlich ab – denn genauso habe ich mir das vorgestellt. Dass sich rechts neben mir eine ganz leichte Verspannung aufbaut, merke ich in meiner Euphorie gar nicht.

„Wenn wir jetzt noch einen Elch sehen, wird es ein Björni-Tag“ plappere ich in die Stille, gerade als wir an sowas ähnlichem wie einem Ortsschild vorbeifahren. Der Ort heißt „Björneborg“.

Den Ort passieren wir zügig, weiter geht es durch den Wald und irgendwann rechts ab. Auf eine noch etwas schmalere Schotterpiste. Irgendwann sagt das Navi „in 300m rechts abbiegen, dann haben Sie das Ziel erreicht.“

„Das Ziel“ ist eine Treckerspur, welche einen leichten Abhang hinab zu einem See führt. Jetzt nehme ich auch die nicht mehr ganz so leichte Verspannung neben mir wahr. Ich bringe Walter zum Stehen und steige mit dem Versprechen aus, den kurzen Weg zunächst zu Fuß zu erkunden. Sicher ist sicher.

Ich gehe hinab und finde mich an einem der schönsten Plätze wieder, die ich je gesehen habe. Eine sanfte Lichtung am Ufer eines spiegelglatten Sees. Rechts und links ein paar Birken, dahinter dichter, sattgrüner Wald. Einsamer, kitschiger und perfekter könnte es nicht sein.

Der Platz hat eine Feuerstelle, zwei urige Boote liegen im Schilf und es ist gerade so viel Platz, dass Walter sein neues Kunststück – auf der Stelle zu wenden – unter Beweis stellen könnte. Die Sonne macht sich schon bereit, kunstvoll hinter den Bäumen am anderen Ufer des Sees zu versinken.

Ich laufe zurück, rutsche auf dem feuchten Waldboden fast aus und bedeute meiner Mannschaft, dass dies der perfekte Platz für all unsere Vorstellungen von Schweden ist. Aufsitzen, Motor starten, runter schaukeln.

Wir hatten uns bisher noch nicht darüber unterhalten, was genau wir eigentlich mit „perfekt“ meinen. Auf jeden Fall stellt sich heraus, dass es feine Unterschiede gibt.

Nach einem kurzen Moment des Abwägens kommt für Walter die Ansage „bitte wenden“. Und die Stimme kommt diesmal nicht aus dem Navi. Als hätte er nie etwas anderes getan, wendet Walter auf der Stelle und setzt an, den Weg zurück auf die Schotterpiste zu nehmen.

War es vorhin eigentlich auch schon so rutschig hier, als wir angekommen sind? Hmm. Ich kann mich nicht erinnern, weiß aber, dass akademische Betrachtungen uns jetzt nicht weiter bringen.

Walter gibt alles, rutscht nach 2 Metern vorwärts aber wieder 4 Meter zurück. Wir versuchen es nochmal, und nochmal. Der Dreck spritzt, Walter stöhnt und die Räder drehen auf der Stelle. Eine hübsche Rinne haben wir da ausgefahren, stehen aber immer noch auf der Hälfte des Weges.

Innen herrscht eisiges Schweigen. Da hilft nur entschlossenes Handeln. Aber was genau? Erstmal aussteigen. Und entschlossen gucken. Auf eine nasse, rutschige Piste, 3,6 t Lebendgewicht, Sommerreifen und Vorderradantrieb. Perfekt – um einfach nicht dort hoch zu kommen.

Ich krame gedanklich in meinen Erinnerungen. Was haben wir denn früher gemacht? Als ich mit meinem Trabi und einem viel zu großen Boot auf dem Anhänger am See stecken geblieben bin? Wir haben das Boot stehen gelassen und sind rückwärts durch den Schlamm gerobbt. Außerdem haben 2 Mann geschoben. Alles keine Option.

Also stapfe ich in den Wald, suche und finde trockene Birken- und Kiefernäste. Die drapiere ich kunstvoll, quer zur gewünschten Fahrbahn, über die schlimmsten Stellen auf unserer Schlammpiste.

Ich habe Vertrauen zu Walter, zu mir und zum Universum – auch wenn es gerade mehr als deutliche Dellen hat. Diese äußern sich nicht nur dadurch, dass wir hier feststecken. Aber dafür habe ich gerade keine Zeit.

Ich lasse Walter ein wenig zurückrollen, denn mit ein wenig Schwung im Leben habe ich doch schon so vieles erreicht.

„Los Walter, dass schaffst Du“ …. rede ich hier tatsächlich gerade mit einem Wohnmobil? Ja!

Und es hilft. Walter heult auf, der Dreck spritzt am Fenster vorbei, aber wir bekommen Schwung. Und schieben uns Zentimeter für Zentimeter voran. Als wir uns endlich über den trockenen Reisig schieben, packt Walter kraftvoll zu, heult auf und zieht uns die letzten Meter auf die rettende Schotterpiste.

„Würde ich nur mit Allrad empfehlen“ lese ich später in der App zu diesem Stellplatz. Ich würde neben Allrad vor allem empfehlen, die Wünsche an einen Stellplatz in der Reisegruppe etwas genauer abzustimmen.   

Inzwischen ist die Sonne untergegangen, wahrscheinlich ekelhaft schön mit einem sanften Platsch in irgend einen See. Davon sehen wir aber nichts, denn wir sind mitten im Wald. Auf dem Weg zu einem x-beliebigen Parkplatz, der uns ein wenig Ruhe für die Nacht gibt. Aus dem perfekten Stellplatz ist inzwischen nur noch der Wunsch geworden, zu stehen. Irgendwo.

Der nächste Parkplatz ist nur 3 km entfernt. Wenn man sich nicht hoffnungslos im Wald verfährt. Dann sind es 12. Irgendwann kommen wir trotzdem an. Inzwischen ist es dunkel. Aber so sehen wir wenigstens nicht, wie scheiße dieser Parkplatz ist.

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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